Wahrsagen mittels Neujahrskonzert - eine philharmonische Disziplin. : apa/Hans Punz, fotolia/infinity
Wahrsagen mittels Neujahrskonzert - eine philharmonische Disziplin. : apa/Hans Punz, fotolia/infinity

Wien. Gustavo Dudamel dirigiert das Neujahrskonzert 2017? - Im Ernst? Die Wiener Philharmoniker sind wieder einmal für eine Überraschung gut. Was bedeutet das wohl für das Neue Jahr?

Natürlich wäre eine solche Frage obsolet an einem 18. März oder einem 25. Oktober. Aber zu Silvester hat nun einmal die Zukunftsschau Hochkonjunktur, egal, ob man nun die Kristallkugel auf Hochglanz poliert, das Blei zu absonderlichen Gestalten gießt oder die Tarot-Karten befragt. Manch einer wirft auch die Runen oder die Münzen des I Ging.

Da ist es nachgerade normal, das philharmonische Dirigentenorakel zu befragen. Zum Beispiel: Als Herbert von Karajan 1987 das Neujahrskonzert dirigierte, konnte der Orakelkundige aus den makellosen Übergängen des Donauwalzers und der Delikatesse der kleinen Verzögerungen mühelos herauslesen, dass der russische Präsident Michael Gorbatschow und der US-Präsident Ronald Reagan den Washingtoner Vertrag über die Vernichtung aller Flugkörper mit mittlerer und kürzerer Reichweite unterzeichnen würden. Karajan - und die Welt wurde ein wenig besser.

Ein-Mann-Sex-live-Show


Als Carlos Kleiber 1989 im "Künstlerleben"-Walzer unnachahmlich die Hüfte schwang, bedeutete das für die Berliner Mauer ungefähr, was seinerzeit die Posaunen für die Stadtmauer von Jericho waren. Kleiber - und die Welt wurde ein großes Stück besser. Wer in das philharmonische Dirigentenorakel eingeweiht war, wusste das schon zu Jahresbeginn.

Und nun also Dudamel. Was bedeutet das nun wieder? Was wollen die Wiener Philharmoniker damit uns und der restlichen Welt verkünden?

Schließlich: Dudamel - die Wiener Philharmoniker - die Musik der Strauß-Dynastie, schmeckt das nicht nach Pabellon Criollo mit Semmelknödel statt schwarzen Bohnen? Nicht, dass diese Kombination ganz und gar ungenießbar wäre.

Der Venezolaner hat schon was - vor allem Sexappeal für einen großen Teil des weiblichen und ein Segment des männlichen Publikums. "Ein-Mann-Sex-live-Show" nannte ein Musiker der Münchner Philharmoniker Dudamel einmal.

Es mag ja sein, dass die Botschaft der Wiener Philharmoniker ganz einfach die ist, dass die Musiker den jungen Venezolaner einfach mögen. Er hat im Auftreten die unbekümmerte Hemdsärmeligkeit, aber auch die Energie des jungen Leonard Bernstein (der in seinen besten Jahren auch solch eine "Ein-Mann-Sex-live-Show" war), und ist doch, wie dieser, ein ganz und gar seriöser Musiker.