Woher die gestalterische Zurücknahme kam, in der Gustavo Dudamel sich beim Neujahrskonzert übte, sei dahingestellt. Sei es aus respektvoller Ehrfurcht vor der mehr als traditionellen Institution dieses klassischen Neujahrsgrußes aus Wien. Oder auch, weil ihm die Stücke einfach nicht so besonders viel sagten. Dudamel spornte die Musiker zwar an mit seinem Elan, überließ im Goldenen Saal jedoch ganz klar den Wiener Philharmonikern den Vortritt als Experten der Wiener Seele und als Kenner der Musik von und rund um die Strauß-Familie. Dudamel ließ sie aus ihrem Erfahrungsschatz schöpfen und beschränkte sich auf das Herausarbeiten von manchem hübschen Detail oder knalligen Effekt. Als großer Gestalter zeigte er sich am Neujahrsmorgen jedoch nicht.

Manchen Stücken verlieh das eine neue Ehrlichkeit, stieß sie vom Sockel der oft überinterpretierten Kunstmusik zurück in den lebendigen Ballsaal der Natürlichkeit. Das ließ manchen Walzer wie Émile Waldteufels "Les Patineurs" in fein schwebender Leichtigkeit und natürlicher Lieblichkeit dahinfließen - Schlittenglöckchen inklusive. Bei Lehárs "Nechledil Marsch" unterstrich er damit die unbekümmerte Fröhlichkeit der oft forschen Militärmusik. Und er sorgte bei Johann Strauß’ Polka "Auf zum Tanze!" für zündende Tempi und frischen Wirbel - nicht nur durch die Eleven, die die schmalen Gänge des Saales betanzten.

Wer jedoch aufgrund der venezolanischen Herkunft des Dirigenten ein südliches musikalisches Feuerwerk erwartet hatte, der wurde enttäuscht. Das einzig vermeintlich Exotische war am Sonntagmorgen nicht der Dirigent, sondern die Zitrus- und Südfrüchte in der Blumendekoration.

Dass ihm die dramatischen und effektvollen Klangwelten mehr liegen als die Walzer-Seligkeit zeigte Dudamel etwa mit Franz von Suppés Ouvertüre zu "Pique Dame". Doch auch hier begab sich der bisher jüngste Dirigent des Konzertes mehr vertrauensvoll in die Hände der Philharmoniker als umgekehrt. Oft kippte dabei die Natürlichkeit in Behäbigkeit, die erfrischende Ungekünsteltheit in Belanglosigkeit.

Dass die Philharmoniker auch bei der Programmauswahl federführend waren zeigte sich in einigen Details: So erinnerte das Orchester mit Otto Nicolais stimmungsvollem und fein schwebendem "Mondaufgang" aus der Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" an die Gründung der Philharmoniker vor 175 Jahren - unterstützt vom zurückgenommenen Singverein. Humor zeigten die Planer durch die Kombination von Johann Strauß´ Walzer "Mephistos Höllenrufe" und dessen Polka "So ängstlich sind wir nicht", wobei hier ein eher freudig züngelndes Feuer einem leichtfüßigen irdischen Leben gegenüberstand. Ein schönes, hoffnungsvoll schmunzelndes Symbol jedenfalls für unsere von realen und geschürten Ängsten durchzogene Zeit.

Viele (heute) populäre Stücke suchte man diesmal vergebens. Auch der Silberstaub entfaltete im Musikverein nicht seine angekündigte Wirkung. Dafür durften die Philharmoniker wieder kurz mitsingen, der Dirigent auf einem Vogelstimmenpfeiferl zwitschern und das Publikum heftig und auch ganz zart beim "Radetzkymarsch" mit klatschen. Die übrigen Werke - von Josef Strauß´ furioser und schön klangmalerischer Polka "Windelust" über Johann Strauß´ kontrastreichen "Extravaganzen"-Walzer bis hin zu dessen "Tausend und eine Nacht", bei dem Dudamel das abgründig wehmütige Seufzen des Wiener Walzers schön herausarbeitete - gelangen oft fein ziseliert, mitunter detailreich und effektvoll, selten beredt und kaum mitreißend. Das könnte auch ein stolzer Donauwalzer nicht wett machen.

Die Wahl von Gustavo Dudamel wurde gemeinhin als Zeichen der Öffnung der Wiener Philharmoniker verstanden, als Generationenwechsel, zumindest aber als Signal an eine junge Dirigentengeneration. Wirklich aufgegangen ist dieses Experiment musikalisch trotz der (diesmal sehr zurückgenommenen) Vitalität Dudamels und der herrlichen Klangfülle der Philharmoniker leider nicht. Dass er sich wie die Orchestermusiker im neuen Konzertoutfit von Viviane Westwood präsentierte, unterstrich seine Einstellung als einer von ihnen - eine sympathische Geste, die auch seiner Art zu musizieren entspricht.

2018 besinnt man sich wieder auf die Tradition der Tradition. Mit Riccardo Muti tritt dann ein Mann an das Dirigentenpult, der das Konzert dann bereits zum fünften Mal geleitet haben wird.