Wien. Große Trauer herrscht um den am 27. Jänner im 88. Lebensjahr in Frontignan (Frankreich) verstorbenen Dirigenten Rudolf Bibl, der als Erzengel der Operette galt. Noch am 1. Jänner hatte er in der Wiener Volksoper die traditionelle Neujahrs-"Fledermaus" geleitet, im Mai 2016 war er mit der Volksoper zu einem Gastspiel nach Japan geflogen. Nahezu ein halbes Jahrhundert war Bibl der Volksoper verbunden gewesen, 2273 Vorstellungen hatte er an dem Haus dirigiert.

Der 4. Mai 1929 in Wien geborene Rudolf Bibl lernte das Dirigentenhandwerk in der legendären Wiener Klasse von Hans Swarowsky. Graz und Innsbruck waren erste Karrierestationen, 1960 kehrte er nach Wien zurück, erst an das Raimundtheater, dann an das Theater an der Wien. Danach war er vier Jahre Musikdirektor in Trier. 1972 begann seine Verbindung mit der Volksoper. Darüber hinaus leitete Bibl auch in Mörbisch Operettenproduktionen.

Bibl verstand es, Sänger wie auf Händen zu tragen. Er verlieh Operetten Glanz, ohne ins Sentimentale abzukippen. Schwulst war seine Sache nicht, viel eher ein delikates Ausmusizieren der Süße, aber auch der sicher gesetzten Pointen. Melodie und vorantreibenden Rhythmus brachte er in vollendete Balance. Bibl nahm die Operette als Kunstform ernst - die vermeintlich verstaubteste aller Musiktheaterformen war bei ihm zeitgemäß, aufregend und unfassbar schön.