Packende Reduktion: Goerne und Hinterhäuser. - © Staatsoper/A. Taylor
Packende Reduktion: Goerne und Hinterhäuser. - © Staatsoper/A. Taylor

Bei Schuberts rast- und trostlosem Gesellen klafft die tödliche Wunde im Herzen in Matthias Goernes Lesart bereits mit dem ersten Ton. Jede Note seiner "Winterreise" umwehen die Abgründe der Verzweiflung, bestimmt ein Grundton der Aussichtslosigkeit. Dabei zeigte sich der deutsche Bariton am Dienstag als präziser Geschichtenerzähler. Als einer, der nicht in Worten, sondern in emotionalen Essenzen spricht. Das Wort selbst wird bei ihm - trotz Deutlichkeit - zum bloßen Transportmittel.

Kurzfristig für den erkrankten Dmitri Hvorostovsky eingesprungen, gestaltete Goerne mit dem Pianisten und Salzburg-Intendanten Markus Hinterhäuser in der Wiener Staatsoper Schuberts Liedzyklus jenseits aller ausgetretenen Pfade der Romantik oder gar der Sentimentalität, reduziert auf das Wesentliche, verdichtet und fein gestaltet zu einer Reihe von packenden Minidramen. Eingespielt sind sie aufeinander, haben sie die "Winterreise" doch 2014 bei den Wiener Festwochen gemeinsam in einer szenischen Produktion erarbeitet. Doch ihre Interpretation funktioniert auch ohne Bebilderung, wird vielleicht noch dringlicher - in der Zeitlupenstudie des "Lindenbaumes" etwa oder dem dramatischen Erwachen aus dem zarten "Frühlingstraum".

Goernes Bariton ist dabei wild polternder Solitär und hoffnungsvoller Träumer. Was das Spiel beider prägt, ist absolute Dringlichkeit. Es ist in jeder Nuance tief beseelt und geprägt von der Neugier auf und das Staunen über jede einzelne Note. Dabei drehen Goerne und Hinterhäuser das klassische Liedkonzept mitunter um. Da ist Goernes weit tragender und tönender Bariton mitunter der Klangteppich für pointierte und luftig verdichtete Kommentare des Klaviers. Trotz des für das Genre überdimensionierten Raumes gelang es den beiden damit, musikalische Intimität herzustellen und in den Bannkreis dieses schillernd tönenden, nächtlichen Schattenreiches der Seele zu ziehen.