Dass sie ihn nicht früher entdeckt haben, ist fast ein Skandal. Aber besser spät als nie: 2011 führte Herbert Blomstedt bei den Wiener Philharmonikern erstmals den Taktstock und knackte dabei als 83-jähriger Ersatzmann vermutlich den Rekord als dienstältester Einspringer. Weil die Wiener seither Blomstedts Vitalität schätzen und sich an dieser gottlob bis heute nichts geändert hat, entwickelte sich eine Zusammenarbeit zum beiderseitigen Nutzen.

Der Schwede hat sein episches Musikerleben ja nicht nur mit diversen Chefposten zugebracht (etwa bei der Staatskapelle Dresden, dem San Francisco Symphony Orchestra oder dem Gewandhausorchester Leipzig), er entwickelte sich zur Koryphäe für die Symphonien eines Anton Bruckner und Carl Nielsen und weiß in deren Mammut-werken nicht zuletzt mit dem Blechbläser-Apparat trefflich umzugehen. Eine Instrumentengruppe, die gerade bei den Wienern ihre ganz eigenen, warm-runden Reize birgt.

Voll ausgespielt wurden diese Kompetenzen am Wochenende im Großen Salzburger Festspielhaus. Nach einer bis in die letzte Note gespannten Wiedergabe von Richard Strauss‘ Weltkriegs-Lamento, den "Metamorphosen" für 23 Solo-Streicher, war Bruckners Siebente Symphonie angesetzt: ein 60-Minuten-Gigant zwischen sehnsüchtigen Streicher-Sphären und massiven Blech-Chorälen.
 
Setzen andere Dirigenten bei der Abwicklung dieses Koloss auf gliedernde Generalpausen und wuchtige Akzent-Pfeiler, hält Blomstedt die Musik bevorzugt samtpfötig, gern auch mit soften Einsätzen im Fluss. In der Sanftmut liegt die – letztlich auch hier angepeilte und freigesetzte – Kraft, und sie erwächst auch aus einer Flexibilität, mit der Blomstedt selbst kurzen Melodien beredten Gefühlsausdruck verleiht und etwa den Einstieg ins Finale liebenswürdig grazil tönen lässt. Gut: Im Scherzo fallen die Musikergruppen zweimal kurz auseinander, beginnen die Posaunen (in der Samstagsaufführung) etwas zu früh mit ihrem chromatischen Abwärts-Riff. Es gilt da aber auch in Rechnung stellen, dass Blomstedt, der mittlerweile 90-Jährige, seinen Dienst nicht mehr im Stehen verrichten kann, sondern den Philharmonikern als eine Art Vorsitzender von einem Sessel aus zuarbeitet. Zuletzt rasender Beifall für den Senior, der den Musikern und Zuhörern mit knabenhaft-quirliger Euphorie dankt.