Begeisterte mit Strauss: Marlis Petersen. - © Mavropoulos
Begeisterte mit Strauss: Marlis Petersen. - © Mavropoulos

Schwarzenberg. Wenn man über zehn Konzerte der Schubertiade Schwarzenberg auf begrenzten Platzverhältnissen detailliert berichten soll, ist das schlicht unmöglich. Schon die Aufzählung der Künstler und der Werke würde die Hälfte des Platzes verbrauchen. Also weglassen. Aber was? Nur über die Schubert-Werke zu schreiben, hieße auf das fantastische Emerson String Quartet verzichten, das bei loyalem Wechseln zwischen ersten und zweiten Violinisten Beethovens letzte Quartette in aller Schroffheit, Komplexität, aber auch Zartheit mit noblem Engagement realisierte.

Oder Piotr Beczałas Liederabend, bei dem der Schubertiade-Bezug nur schwer zu orten war. Aber was soll’s: Auch wenn jedes Amore-Lied der italienischen und polnischen Komponisten samt Puccini-Zugabe zur Opernarie geriet und manche Höhe etwas ge- bis erzwungen klang (Altmeister Helmut Deutsch am Klavier tastete sich eher vorsichtig durch Ungewohntes), die der Italianità geschuldeten Schluchzer bewegten die Damen und erfüllten die Herren mit Neid, bis sich über alle Träume und den Bregenzer Wald eine gnädige Spätsommernacht niedersenkte.

Igor Levit, ein Erlebnis


Überhaupt zeigte sich wieder einmal, dass Sterne der Opernwelt beim Lied nicht unbedingt brillieren müssen. Violeta Urmana, die gewissenhaft vorbereitet von Nacht und Träumen sang, begann nervös und mit kleiner Stimme, die sich erst zur Pause mit dem "Erlkönig" entfaltete - da aber war bereits Schluss mit Schubert. Mit Mahler und Strauss jedoch erfüllte sie die Erwartungen. Ähnliches erlebte man bei Marlis Petersen, die zunächst bei Schubert und Schumann den Eindruck eines Ferraris erweckte, der dazu gezwungen wurde, die Strecke Wien-Paris im zweiten Gang zurückzulegen, und nur gelegentlich seine Kraft zeigen durfte. Dann aber löste sie mit Schuberts "Hirt auf dem Felsen" (Klarinette: Paul Meyer) Begeisterungsstürme aus, und auch bei Strauss fühlten sie und das Publikum sich hörbar wohl ("Mohnblumen", "Kling!"), was zu Jubel ohne Ende führte.

In der Kombination versuchten sich auch andere, nicht immer so stupend erfolgreich wie Igor Levit, der mit Beethoven ("Eroica"-Variationen), Schubert (A-Dur-Sonate) und Bach (Goldberg-Variationen) gleichermaßen unglaublich brillierte und einem dabei jegliche Lust nahm, jemals noch ein Klavier anzurühren. So lange war hier sonst kein zeitlicher Zwischenraum zwischen dem letzten Ton und dem Applaus wie nach den Goldberg-Variationen, so einmütig keine stehende Ovation und so rasch kein Ausverkauf der CDs nach Veranstaltungsende. Bei Levit ist jeder Konzertbesuch eine sichere Bank, und der Pianist wird uns in Hinsicht auf sein Alter (30) hoffentlich noch ein lange schöne Zukunft bescheren.

Nicht ganz so geglückt ein Konzert mit Dvořák (Quintett op. 77) und Schubert (Oktett D 803): Wiewohl mit hochkarätigen Mitgliedern besetzt, überzeugte das Ensemble nicht durch ein kammermusikalisches Erlebnis. Wer sich im Oktett mit seiner Interpretation durchsetzen konnte, war deutlich zu hören (überdeutlich beim Hornisten); eine in sich geschlossene Interpretation wurde es trotz der süßen Töne der Violinistin Baiba Skride nicht. Die Grätsche zwischen Oper und Lied schaffte hingegen bravourös Michael Volle gemeinsam mit Helmut Deutsch in einem raritätenfreudigen und auch insofern raren Programm, als es auf Komponisten neben Franz Schubert verzichtete - ausdrucksvoll, wortdeutlich und kammermusikalisch authentisch.

Und so blüht und gedeiht die Schubertiade im Bregenzerwald auch im 42. Jahr und wird Kammermusikfreunden noch viel Jahre auf hohem und höchstem Niveau Freude und Kritikern ihre Arbeit schwer machen.