Als Komponist und Dirigent gefeiert: Peter Eötvös, zu Gast im Wiener Konzerthaus. - © Borggreve
Als Komponist und Dirigent gefeiert: Peter Eötvös, zu Gast im Wiener Konzerthaus. - © Borggreve

"Wäre schön, wenn wäre möglich" - mit diesen Worten soll Claudio Abbado 1988 das Festival Wien Modern auf den Weg gebracht haben. Dessen 30. Ausgabe stand am ersten Wochenende ganz im Zeichen von Abbados Diktum, Neue Musik gehöre in die großen Säle Wiens. Konkret war es der Große Konzerthaussaal, in dem am Samstag ein Konzert zu Ehren des Ermöglichers gegeben wurde. Das Webern Symphonieorchester der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und Studierende des Pariser Conservatoire präsentierten unter der Leitung von Ilan Volkov Ur- und Erstaufführungen französischer und österreichischer Provenienz.

Zum Festivalmotto "Bilder im Kopf" passte Hugue Dufours Komposition "Le passage du Styx d’après Patinir", die von einem Gemälde des flämischen Malers Joachim Patinir inspiriert wurde. Über 40 Minuten stellt es durch Pausen isolierte Klangblöcke in den Raum, die durch den Verzicht auf Entwicklung den Eindruck bedrückender Statik erzeugen. Ganz anders der ebenfalls in Frankreich lebende Georges Aperghis, der in seinem fulminanten Akkordeonkonzert das ungehobelte Timbre des Soloinstruments dazu verwendet, die Organizität des Orchesterklangs mit einer eher mechanischen Qualität zu infiltrieren. Zackig-aperiodische Tonfolgen, virtuos dargeboten vom Solisten Jean-Etienne Sotty, liefern das Vorbild für ähnliche Figurationen der Violinen, provozieren gackernde Echos im Blech oder werden in einem komischen Wettstreit von der Orgel überdröhnt.

Höhepunkt des Abends bildete das Werk "Das Imaginäre nach Lacan" der in Wien wirkenden Komponistin Iris ter Schiphorst. Die Sängerin Salome Kammer trug darin Fragmente aus klassischen arabischen Dichtungen vor, wobei sie sich teils in arabischer, teils in europäischer Kleidung präsentierte - ein Spiel mit den Bildern, die im Kopf bei der Wahrnehmung des Fremden entstehen. Nicht nur die szenische Umsetzung, auch die Musik selbst vermochte dramatische Spannung aufzubauen - das elektronisch erweiterte Orchester erzeugte ein Klangbild von ungewöhnlicher Drastik.

Spiel mit Nähe und Distanz


Tags darauf waren bei dem Peter Eötvös gewidmeten Porträtkonzert die Bilder zunächst solche imaginärer Räume, in denen Klänge ein körperliches Eigenleben führen. Seiner Arbeit mit Karlheinz Stockhausen und im Kölner Studio für Elektronische Musik verdankt der ungarische Komponist und Ensembleleiter ein feines Gespür für wirkungsvolle Klangkonstellationen. In "Shadows", vom Klangforum Wien mit größter Präzision realisiert, äußert sich dieses als Spiel mit Nähe und Distanz - obwohl für das Auge alle Instrumente gleich weit entfernt sind, nimmt das Ohr dank Verstärkung manche davon quasi in Großaufnahme wahr. Bei der "Sonata per sei" handelt es sich um eine aufs Skelett reduzierte Fassung von Eötvös’ Klavierkonzert, das wiederum den Klavierkonzerten Béla Bartóks eine ironische Reverenz erweist und dabei durchaus unbefangen Gattungskonventionen zitiert.

Eötvös’ "Chinese Opera" schließlich ist weder chinesisch noch eine Oper, lebt aber vom Verweis aufs Operngenre und auf ein fernes China, das freilich wenig mehr als eine vage Fremdheit symbolisiert. Die visuelle Komponente überlässt der Opernroutinier Eötvös in diesem Orchesterwerk der Imagination des Publikums. Tatsächlich funktioniert seine Musik vielleicht am besten als wirkmächtige Illustration eines szenischen Geschehens. Musikalisch geschieht auch in "Chinese Opera" viel, von dem vieles auch ganz anders sein könnte. Aber für die inneren Bilder ist ohnehin jede und jeder selbst verantwortlich. Das "Wien Modern"-Publikum jedenfalls feierte Eötvös, den Komponisten und Dirigenten.