Sportclub, Wirtshaus, Altersheim: Das sind kulturelle Zonen, die nicht unmittelbar mit der Rezeption von Avantgarde-Musik assoziiert werden. Die Erschließung neuer Spielstätten hat bei Wien Modern allerdings längst Tradition - und so folgte das Publikum des Neue-Musik-Festivals am Samstagnachmittag dem Ensemble Platypus an den westlichen Rand des bürgerlichen Wohlfühl-Areals der Hauptstadt, genauer: auf die Schmelz, wo der Projekttitel "An die Grenze" ein Fruchtbarmachen der Spannung zwischen Kunst und Alltag verhieß.

Im Sportverein ASKÖ stand naheliegenderweise der körperliche Aspekt im Zentrum, wobei der typische Drill sportlicher Bewegungsabläufe durch die Optik des zeitgenössischen Tanzes gebrochen wurde. Begleitet wurde dies von Kompositionen, bei denen ebenfalls die aktionistische Komponente hervorstach - wie Carola Bauckholdts auf die unregelmäßigen Schläge von vier Fliegenklatschen reduziertes Stück "Polizeitrieb" oder Simon Steen-Andersens "Study for String Instrument", in der die optische Überlagerung des Cellisten mit seinem eigenen Videobild für reizvolle Irritationen sorgte.

Schmähs im Wirtshaus, Irritationen im Seniorenheim


Das Wirtshaus als Grenzgebiet politischer Kultur bildete den Schauplatz einer weiteren Station, in der Regisseur Michael Scheidl von netzzeit das Phänomen Stammtisch satirisch zum Leben erweckte. Während die teils improvisierte Musik hier als wenig differenzierte Klangkulisse fungierte, ergingen sich die drei Darsteller in einer Parodie von solider Komik, die über den gängigen Hohn gegenüber "dummen" Rechts-Wählern hinaus jedoch ohne Erkenntniswert blieb.

Mit dem Thema "Altern" wurde an der dritten Station eine absolute Grenze in den Blick genommen - jene der menschlichen Lebenszeit. Im Aufenthaltsraum des Seniorenheims Haus Schmelz sollte Musik von teilweise desolater Monotonie in Verbindung mit isolierender Sitzordnung, Familienfotos, Papier und Bleistift den Blick auf die Vergangenheit und die Vereinzelung im letzten Lebensabschnitt lenken. Dass die anwesenden Bewohnerinnen mit Unverständnis reagierten, kann einerseits als erfrischende Intervention erscheinen. Andererseits wäre doch die Einbindung jener Personen wünschenswert gewesen, von deren Lebensbereich die Produktion Besitz ergriff - ein bloßer Ortswechsel überwindet eben noch keine Barrieren.

Konzert

An die Grenze 1-3

Ensemble Platypus, Wien Modern

Teil 4 der Reihe am 18. November im Museumsquartier, Halle E