Es war nie der tenorale Schmelz, der Liederabende von Michael Schade zum Ereignis gemacht hat. Es sind seine eindringliche Stimme, die Unmittelbarkeit als Erzähler und der absolute Fokus auf das Wort. Früh schon ist er damit - erfolgreich - Schubert begegnet, dessen "Schöne Müllerin" gehört seit 15 Jahren zu seinem Repertoire. Um einen anderen Zyklus hat er bisher einen Bogen gemacht: Schuberts "Winterreise", die er nun erstmals im Wiener Konzerthaus gesungen hat.

Mit Malcom Martineau als versiert aufmerksamem Begleiter setzt Schade am Donnerstag im Mozart-Saal von Beginn an auf metallische Effekte und Kontraste. Jedes Detail ist dabei gestaltet und geformt. Dabei bleibt eine eigentümlich kühle Distanz zwischen Sänger und Ich-Erzähler, zwischen Text und Musik. Als wollte Schade es besonders gut machen, merkt man vielen Phrasen diese kalkulierte Gestaltung an. Dadurch bleibt die Dringlichkeit der Lieder eine äußerliche, gerät Schade nicht in die ihn auszeichnende Authentizität als Vortragender. Am stärksten ist Schade, wenn er sich zurücknimmt, seinen Tenor in der Mittellage strömen oder in der Höhe im zarten Piano beinahe ins Falsett kippen lässt, wenn er ganz reduziert schlicht auf Text und Musik vertraut, statt sie (nieder) zu gestalten.

Liebe auf den ersten Blick geht sich nicht mehr aus zwischen Michael Schade und Schuberts "Winterreise". Eine späte Liebe kann es noch werden, es ist zumindest alles dafür da. Vorerst bleibt es aber das Ringen zweier Solitäre - immerhin um einander.