"Hitler, -- Du. So einsam gross und erhaben" und: "Hitlers Geburtstag, der große Mensch u. Meister" und: "Beginne Stücke. Dir Du Liebender Führer, doch ich bin viel zu ungelernt u. unfähig der Spannung". Der Mann, der das geschrieben hat, wird wenig später sein eigenes Leben riskieren, um den jüdischen Musiker Konrad Latte von 1943 bis Kriegsende im Untergrund durchzubringen. Dafür wird Gottfried von Einem am 12. August 2002 vom Yad Vashem in Israel posthum unter die Gerechten der Völker aufgenommen.

Einems zeitweilige an Hingabe grenzende Begeisterung für Hitler ist ein bisher unbekanntes Faktum in der Biografie des österreichischen Komponisten. Joachim Reiber dokumentiert es in seinem soeben vorgelegten Buch "Gottfried von Einem - Komponist der Stunde null", das eine erste Gabe zum 100. Geburtstag des Komponisten im eben begonnen Jahr ist. Und mit diesem Buch hat die in Sachen Einem ohnedies dürftige Fachliteratur jetzt ein Problem.

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Wie schön wäre es, Reibers glänzend geschriebenes Porträt auch inhaltlich rückhaltlos rühmen zu können und nur die eine oder andere kleine Anmerkung zu machen, weniger, um den Autor zu kritisieren, seines Zeichens Chefredakteur des Magazins "Musikfreunde" der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, als, um dem Feuilleton-Leser zu beweisen, dass man selbst in Sachen Gottfried von Einem recht gut Bescheid weiß. Allein: Solch Loblied ist unmöglich.

Was Reiber versucht, ist keine Biografie des Komponisten, sondern ein "Psychogramm", das zugleich Legenden und biografische Unwahrheiten zurechtrückt. Weniger von Einems Leben spürt Reiber nach, vielmehr versucht er sich anhand einzelner Lebensstationen als Komponistenerklärer. Das sieht in etwa so aus: Der junge von Einem leidet unter der permanenten Abwesenheit jenes Mannes, den er damals für seinen leiblichen Vater gehalten hat, ergo sucht er Vaterfiguren, und eine davon war - nun, eben Hitler. Zumindest Mut hat Reiber, dass er sich auf solche Verkürzungen und Simplifizierungen einlässt.

Eine andere Gestalt war für Gottfried von Einem tatsächlich ein Vaterersatz in jeder Hinsicht, nämlich sein Kompositionslehrer Boris Blacher - aber das ist wohlbekannt, Gottfried von Einem selbst hat darüber wiederholt gesprochen. Allerdings wäre es verfehlt, würde man Reiber die Wiederholung des Altbekannten vorwerfen, solches liegt nun einmal in der Natur der Sache.

Zumal der Autor ja auch mit Neuigkeiten jenseits Gottfried von Einems Verhältnis zu Hitler aufwartet: So ist etwa die bestimmende Rolle Carl Orffs für Einem, die in den Chorszenen von "Dantons Tod", im Schlussbild des "Prozess" und im "Stundenlied" ohnedies ohrenfällig ist, erstmals ausführlich dargestellt.