Am Anfang war der Klang. Wie eine vom Licht durchbrochene Klangwolke zog der weiche, intensive Ton des Estonian Festival Orchestra über die Bühne des Konzerthauses. Es braute sich etwas zusammen: Arvo Pärts elegischer "Cantus in Memory of Benjamin Britten".

Statt sich in den engmaschigen Harmonien von Pärts Tintinnabuli-Stil zu versenken, gelang es Dirigent Paavo Järvi aber zudem, die kanonische Struktur und rhythmische Spannung des Werks hörbar zu machen. Auch in Pärts "Fratres" stellte das Ensemble eine eindrückliche Symbiose zwischen durchdringendem Ton und distinkter Phrasierung her.

Dies gelang in Jean Sibelius’ Violinkonzert nicht immer: Solistin Viktoria Mullova gestaltete den Solopart zwar mit feinem, glasklarem Ton, dieser drohte allerdings oftmals am dichten Orchestertutti zu zerbrechen. Järvi führte mit wenigen großflächigen Gesten durch die agogischen Windungen des Kopfsatzes, wodurch Solistin und Orchester zuweilen ins Ungefähre gerieten. Es ist Mullova hoch anzurechnen, sich der pathosbehafteten Aufführungstradition mit reduziertem Vibrato und unprätentiöser Transparenz entgegenzustellen. Man hätte sich jedoch gewünscht, dass es statt um die Sache etwas mehr zur Sache geht.

In Schostakowitschs Sechster Symphonie trieb Järvi das fabelhaft intonierende Orchester schier mühelos über die steilen musikalischen Gipfel, von denen es sofort mit drängendem Elan weiterpreschte, ehe sich die Musiker im furios zelebrierten Galopp des dritten Satzes gegenseitig zu einem grandiosen Schlussspurt anspornten.