- © Desmond Boylan/ap
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Wien. Wer wissen will, was dran ist an Marin Alsop, der soll sich Carl Orffs "Carmina burana" unter ihrer Leitung anhören oder Leonard Bernsteins Dritte Symphonie "Kaddish", veröffentlicht auf dem Naxos-Label: Das sind beispielhafte Aufnahmen, die von einem außerordentlichen Talent zeugen, Steigerungen auf den Punkt zu bringen. Die am 16. Oktober 1956 als Tochter einer Cellistin geborene New Yorkerin wird Chefdirigentin des RSO Wien. Sie tritt ihren Posten am 1. September 2019 an und folgt damit nach einem Jahr Übergangszeit Chef Cornelius Meister nach, der bereits ab Herbst Generalmusikdirektor in Stuttgart wird. Alsops Vertrag läuft zunächst drei Jahre.

Marin Alsop hat an der Yale University studiert und erlangte als Geigerin ihren Magister-Titel an der Juilliard School, die eine tragende Säule der US-amerikanischen Musikausbildung ist. Allerdings verlegte sie sich zunehmend auf das Dirigieren, das ohnedies ihr Kindheitstraum war. 1984 gründete sie das aus 50 Musikern bestehende Concordia-Orchester mit dem Ziel, Musik US-amerikanischer Komponisten aufzuführen. 1989 erhielt sie den Preis des New Yorker Leopold Stokowski-Wettbewerbs. Im gleichen Jahr belegte sie in Tanglewood einen Dirigierkurs bei Leonard Bernstein, der ihr von Anfang an ein Vorbild war und nun auch ihr Mentor wurde. In Tanglewood erhielt sie obendrein den Koussevitzky-Dirigentenpreis.

Karriere bis an die Spitze


In der Folge diente sich Marin Alsop von zahlreichen US-B-Orchestern wie der Colorado Symphony, der Richmond Symphony und der Eugene Symphony an die Spitze: 2007 wurde sie Chefdirigentin des Baltimore Symphony Orchestra, wo ihr Vertrag bis zur Saison 2020/21 läuft. Außerdem ist sie seit 2012 Chefdirigentin des São Paolo Symphony Orchestra, dort läuft ihr Vertrag bis 2019. Zusätzlich gibt sie am Peabody Institute der Johns Hopkins University Meisterkurse für Dirigenten.

In Europa fasste sie zuerst im England Fuß: Von 2002 bis 2008 war sie Dirigentin des Bournemouth Symphony Orchestra. 2013 war sie als erste Dirigentin für die legendäre Londoner Last Night of the Proms verantwortlich. Im heurigen Jahr wird der 100. Geburtstag Leonard Bernsteins gefeiert - naturgemäß spielt Marin Alsop dabei eine zentrale Rolle: Beispielsweise eröffnet sie den Bernstein-Schwerpunkt des London Symphony Orchestra mit einer Aufführung von "Mass".

Als Gastdirigentin leitete sie Konzerte unter anderem mit dem New York Philharmonic, der Chicago Symphony, dem Concertgebouw-Orchester und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Auch für das RSO ist sie keine Unbekannte: 2014 kombinierte sie Werke von Gustav Mahler und Leonard Bernstein, womit sie Musiker wie Kritik überzeugte.

Marin Alsop, die über ihre Homosexualität offen spricht, ist mit der Hornistin Kristin Jurkscheit verheiratet, mit der sie auch einen Sohn hat.

Marin Alsops Credos könnte von Leonard Bernstein selbst stammen: "Musik hat die Kraft, das Leben zu verändern" und "Musik bringt Menschen zusammen". Deshalb hat sie sich stets bemüht, Kinder und Jugendliche an Musik heranzuführen, und sie gibt ihr dirigiertechnisches Können an Studierende weiter. Dabei ist Marin Alsop überzeugt, dass die Kunst der Orchesterleitung darin besteht, das Zentrum der Energie zu sein, das eigene innere Feuer auf Orchester und Zuhörer zu übertragen. Aus diesem Grund setzt sie sich beispielsweise auch bei kraftraubender Probenarbeit nicht nieder, denn das würde ihrer Überzeugung nach Müdigkeit signalisieren. Ihre Interpretationen entwickelt sie aus ihrem Gefühl für Rhythmus in der Erkenntnis, dass auch und gerade die frei fließende Melodie den Puls braucht.