Der Verdacht lag nahe, dass am Montag in den Mittagsstunden sogar Daniel Barenboim, der große Philanthrop unter der Musiker-Prominenz, innerhalb einer Dreiviertelstunde zum Menschenhasser geworden ist. Nun ja, Hasser vielleicht doch nicht, dazu ist Barenboim zu edlen Gemüts...

Aber ein gewaltiges G’wirks war es halt doch, dieses Matinee-Recital im Großen Saal des Mozarteums. Draußen der erste warme, wolkenlose Beinahe-Frühlingstag des Jahres, drinnen im abgedunkelten Saal ausschließlich Debussy, trotz Mozartwoche. Warum das hat sein müssen? Vor kurzem ist eine Debussy-CD des Meisters erschienen, die gehört promotet.

Das Stühle-Knarzen wollte während der "Préludes" (Buch 1) kein Ende nehmen, und es schien, als ob sich sogar die Mikroelektronik heimtückisch verbündet hätte. Zu einem der Préludes musste Barenboim sogar neu ansetzen, weil ein Handy partout nicht klein beigeben wollte. Ein Hörgerät nahm mit insistierendem Piepsen auf Langstrecke den Kampf gegen die feinsinnige Pianistik auf.

Sanftes Erzählen


Barenboim reist mit eigenem Flügel. Das ist insofern bemerkenswert, als sich sein Debussy-Spiel nicht durch ausufernde Klangfarben-Raffinesse auszeichnet, die einen solchen gewichtigen Reisebegleiter rechtfertigen würde. Barenboim setzt auf sanftmütige Erzählungen, auf erwartungsgemäße "Impression" eben, klar im Lineament, verbindlich und verbindend im Nachzeichnen der Formen. Man könnte die Préludes auch ganz anders lesen, als pianistische Novitäten der Epoche, in denen die Funktionsharmonik nachhaltig aufgelöst, der quasi "stehende" Klang ein erstes Mal emanzipiert wurde. In solche Richtung zielt Barenboim nicht.

Nach der Pause war die Debussy-Kost für die Hörer leichter, die Unruhe schien gebannt. Die Genreszenen der "Estampes", "Deux Arabesques" und "L’Isle joyeuse" war eine Werkfolge, in der Barenboim als Techniker nicht wenig herausgefordert war. Das muss dem 75-Jährigen erst mal jemand so fingerläufig und präzise nachspielen. Da konnte man sich also auf die Habañera-Rhythmen der "Sorée dans Granade" ebenso mit Gewinn einlassen wie auf die Regen-Kaskaden in den "Jardins", sich verzaubern lassen von der mit viel Energie kolorierten zweiten Arabeske. "L’isle joyeuse" hatte schließlich mehr Charme als Ekstase, und das passt gut zu Barenboim und seinem ausgleichenden Temperament. Da hatte er die Menschen sichtlich wieder lieb.

Konzert

Daniel Barenboim (Klavier)

Salzburger Mozartwoche