Allein, dem Wahnsinn nahe ob all dem Blutvergießen, singt Lucile, eingehüllt in einen Mantel herb verfremdeter Streicherbegleitung, tränenerstickt das Lied vom Schnitter Tod. Dann liefert sie sich mit dem Ruf "es lebe der König" den Revolutionären aus. Doch niemand ergreift sie. Josef Ernst Köpplinger gönnt ihr in seiner maßstabsetzenden Inszenierung von Gottfried von Einems "Dantons Tod" an der Wiener Staatsoper nicht einmal das Ende mit Schrecken.

Die aufwühlende Produktion braucht kein Jubiläum, wie die 100. Wiederkehr von Gottfried von Einems Geburtstag im laufenden Jahr, um eine Rechtfertigung zu finden. Die Aktualität des 1947 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführten Werks ist ungebrochen: Einem und sein Lehrer Boris Blacher reduzieren Georg Büchners Drama auf eine Tragödie konkurrierender Demagogen. Tugend wird Terror. Die angeblichen Verteidiger der Demokratie entpuppen sich als Diktatoren. Freiheit ist nur noch ein Ruf, der gut klingt, aber längst nichts mehr zählt. Das Volk treibt im Sturm rhetorischer Verführungskünste, wer sich eben noch für Dantons Freiheitsreden begeistert hat, jubelt jetzt über seine Hinrichtung. "Lügen und Leichen", schreien die Menschen, "Hungergeschenke des Vaterlands." Wer Brot gibt, hat recht.

Die Individuen handeln längst nicht mehr aus eigenem Antrieb. Sie sind Marionetten der Revolution, die alles in einem Meer von Blut ertränkt, in dem Täter und Opfer unablässig die Positionen im Totentanz wechseln: Wolfgang Koch ist in einer bewunderungswürdigen Rollengestaltung der saturierte Danton, der in der Not noch einmal die wahre Kunst der Demagogie zeigt, Thomas Ebenstein setzt ihm als sein Widersacher Robespierre allen süßen und dabei eisig erstarrten Glanz seines Tenors entgegen. Wer zwischen die beiden gerät, wird zerrieben: Camille (Herbert Lippert) ebenso wie Hérault (Jörg Schneider). Liebe ist nur noch ein Wunschtraum, an dem Luciles Verstand zerbricht: Olga Bezsmertnas Charakterstudie von Camilles Geliebter schnürt die Kehle zu.

Köpplinger, sein Bühnenbildner Rainer Sinell und sein Kostümbildner Alfred Mayerhofer haben begriffen, dass jede Aktualisierung die Beispielhaftigkeit des Werks schwächen würde. So tobt auf der Bühne in bis in den Chor hinein filmisch genauer Personenführung die Französische Revolution. Die Gegenwart spiegelt sich in der Geschichte. Gerade deshalb versteht jeder Zuschauer, dass die Bühne ein aktuelles Problem abhandelt, nämlich den Fanatismus, die Instrumentalisierung des Fanatismus – aber auch, wie der Fanatismus eine Eigendynamik gewinnt, deren reißenden Strom niemand mehr einzudämmen vermag.

Gottfried von Einem entfesselt diesen unentrinnbaren Sog. Tonal ist diese Musik und doch neu und einzigartig kraft der schöpferischen Persönlichkeit Einems. Seine rhythmischen Kurzmotive haken sich im Ohr fest, die insistierenden Rhythmen höhlen die Lyrismen aus, die sich doch immer wieder durchsetzen, nur, um zerstückt und zerschlagen zu werden. Aufgepeitscht wild jubelt der Chor, er begehrt auf, klagt, klagt an. Einen Moment wie das Gegeneinander von der Carmagnole des Chors und der Marseillaise von Danton und seinen Gefährten hat nicht ihresgleichen in der Operngeschichte.

Hier entfesselt Gottfried von Einem allen Wahnsinn einer aus den Fugen geratenen Zeit, die einem feurigen Rad gleich richtungslos rollt und zermalmt, was in den Weg kommt. Der  schönste Moment ist der erschreckendste: Die Henker (Wolfram Igor Derntl und Marcus Pelz) lassen ein Volkslied in konventionellem Kitsch zerfließen – das sind die Mörder in den KZs, die sich nach den Vergasungen Wagneropern und Schlagern hingeben, das sind die Wahnsinnigen von heute, die Schlager und Marschmusik hören, ehe sie morden. Denn das Böse ist immer noch banal.

Susanna Mälkki realisiert am Pult des fulminanten Staatsopernorchesters Einems Musik ideal: Unablässig treibt die finnische Dirigentin die Rhythmen zur Entladung, sie türmt herrlich ausbalanciert die Bläserakkorde auf und lässt Singstimmen und Streichern Raum zur sinnlichen Entfaltung der Lyrismen. All das geschieht unter steter Hochspannung – jede Pause wäre ein Fremdkörper: das Werk pausenlos durchzuspielen an diesem beklemmenden und erregenden Abend,  ist eine sehr gute Entscheidung.

Die Ovationen am Ende galten sowohl dem Werk selbst als auch einer Ensembleleistung ohne Schwachstelle: ein politisches Statement auf höchstem künstlerischen Niveau.