Wien. Es gibt diesen alten Witz über Herbert von Karajan: Steigt der Dirigent in ein Taxi und wird nach dem Fahrtziel gefragt. Sagt der Maestro: "Egal. Mich braucht man überall!"

Dermaßen weltumspannend ist die Nachfrage nach Yannick Nézet-Séguin, 1975 in Montreal geboren, zwar noch nicht. Der Dirigent zählt dennoch zu den Global Players seiner Zunft. Drei Orchester kommandiert der Kanadier: Leitet Nézet-Séguin in der Alten Welt die Rotterdamer Philharmoniker, unterstehen ihm in der Neuen das Philadelphia Orchestra sowie das Orchestre Métropolitain in seiner Heimatstadt. Und: Der Taktstock-Virtuose greift bereits nach dem nächsten Spitzenjob. Im Herbst avanciert er zum Musikchef der Metropolitan Opera in New York, nachdem dort James Levine wegen Vorwürfen sexueller Belästigung gefeuert worden war.

Wie bringt man all diese Posten unter einen Hut? Die "Wiener Zeitung" hat Nézet-Séguin diese Woche am Telefon interviewt, als der 43-Jährige gerade auf einem Flughafen in den USA saß. Dort startete er mit dem Philadelphia Orchestra zu einer Tournee, die ihn am 31. Mai und 1. Juni auch in den Wiener Musikverein führen wird.

"Wiener Zeitung": Wie stressig ist der Tanz auf drei Orchester-Hochzeiten? Und wie geht sich da noch ein Opernhaus aus?

Yannick Nézet-Séguin: Erstens: Wenn ich im Herbst an der Met anfange, höre ich in Rotterdam auf. Es werden also wieder "nur" drei Posten sein. Zweitens: Kein musikalischer Leiter verbringt die ganze Zeit mit einem Orchester. Viele meiner Kollegen sind in einer Stadt Chefdirigent, gastieren aber auch oft bei anderen Orchestern. Das mache ich seltener und rotiere meist zwischen drei Arbeitsorten.

In welchem Rhythmus?

Ich bleibe oft zwei, drei Wochen. Wobei: Bisher hatte ich ein Bein auf der einen Atlantik-Seite, das zweite auf der anderen. Ab Herbst werden meine Arbeitsorte relativ nah beieinander liegen. Da kann ich ab und zu auch tageweise den Standort wechseln.

Ursprünglich sollten Sie erst 2020 Chefdirigent an der Met werden. Heuer wurde aber entschieden, dass Sie den Posten schon im Herbst übernehmen. Wirbelt das Ihren Zeitplan durcheinander?

Es ist ein guter Beschluss, denn er macht die Situation einfacher. Sonst wäre nicht klar gewesen, wer bis 2020 gewisse Entscheidungen zu treffen hat - etwa bei den Orchestermusikern. Natürlich werde ich am Anfang nicht gleich sechs Opern dirigieren, sondern vorerst nur drei und ein paar Konzerte; ich werde mit einem Crescendo in die Position hineinwachsen.