Die schlimmsten Patienten, heißt es, seien erkrankte Ärzte. Könnte wahr sein: Mediziner besitzen nicht nur enormes Fachwissen, sie kennen auch die Fehleranfälligkeit des Systems. Aus dem Grund würden sie sich lieber selbst therapieren als einem Fremden zu trauen.

Eine ähnliche Skepsis steckt in den Partituren von Gustav Mahler. Der Orchestervirtuose (1860-1911) hat weniger Lebenszeit mit dem Notensetzen verbracht als mit dem Dirigieren; er kannte die Verhunzungsgefahr für Meisterwerke durch mäßige Kollegen. Es kommt nicht von ungefähr, dass Mahlers Symphonien, diese tönenden Seelendramen, nur so vor Anmerkungen für Interpreten strotzen. Sicher: Diese Texte sollen auch eine Hilfestellung sein für gefinkelte Klangeffekte. Es schwingt aber auch Misstrauen mit. "Anmerkung für den Dirigenten: Alle Betonungen konsequent durchführen", heißt es in der Partitur der Zweiten Symphonie. Anders gesagt: Du, du, du!

Wendige Ausdrucksvielfalt

Eine solche Extra-Einladung hat das Budapest Festival Orchestra nicht nötig. Es setzt die "Zweite" im Konzerthaus mit elektrisierender Genauigkeit um. Gemütvolle Dehnungen? Gibt’s hier nicht. Dirigent Iván Fischer hält sich präzis an die Partitur und deren Tempi entsprechend straff, stuft die Artikulation geschmeidig ab und erzeugt in 80 Minuten ein Wunderwerk an Eloquenz - vom schroffen Cellobeginn bis zum "Urlicht", das Elisabeth Kulman mit schlichter Schönheit singt. Und der Auferstehungs-Chor? Steigert sich zu klar konturierter Größe. Jubel, auch für die differenzierungsstarke Wiener Singakademie und Sopranistin Christina Landshamer.