Auch Traumjobs haben kleine Tücken. Im Alltag von Heinz Ferlesch ist dies eine Namensähnlichkeit. Die Wiener Singakademie - das ist jener Chor, den der Oberösterreicher im Konzerthaus leitet. Der Wiener Singverein: Das ist jenes Kollektiv, das wenige Straßen weiter, im Musikverein, die gleichen Sangesdienste leistet. Weil manche Journalisten aber "Sing" mit "Sing" verwechseln, werden einige Leistungen dem falschen Chorkonto gutgeschrieben. Ferlesch: "Wir rufen dann rasch an und weisen freundlich auf den Irrtum hin."

Wobei: "Es ist schön, wenn man nur solche Sorgen hat." Ferlesch ist, das betont er, "auf die Butter-Butter-Seite" gefallen. Festanstellungen in seinem Berufsfeld, also der Leitung von Konzertchören, sind rar. Was heißt! Zwei Stück gibt es österreichweit, nämlich in den erwähnten Häusern.

Dabei vollzog sich zwischen ihnen ein kurioser Wechsel. Ursprünglich war die Singakademie nämlich nicht im Konzerthaus daheim, sondern an der Adresse des Mitbewerbers - genauer gesagt in jenem Konservatorium, das damals am Karlsplatz stand: Das brauchte anno 1858 einen Chor, und er wurde "Singakademie" genannt, weil die Mitglieder ein kleines Musikstudium absolvierten. Nur Wochen nach Gründung flogen zwischen Konservatorium und Chor aber die Fetzen, die Sänger zogen aus. Eine neue Heimat fand sich erst, als das Konzerthaus entstand. Der Deal von 1913 hat bis heute Bestand: Die Singakademie darf im Konzerthaus proben, firmiert dafür als Chor des Hauses.

In der Praxis ist das Ensemble allein mit diesen Aufträgen gut ausgelastet: Rund 150 Abende verbringt es pro Saison beim Gast- und Arbeitgeber. Trotzdem eine schöne Abwechslung, wenn sich Auswärtstermine ausgehen - wie im kommenden Oktober. Die Deutsche Grammophon feiert 120 Jahre Bestand und setzt die Singakademie für Festauftritte in Shanghai und Peking ein. "Wir werden die ‚Carmina Burana‘ in der Verbotenen Stadt singen, vor 1200 geladenen Gästen", freut sich Ferlesch. Die Termine bürgen nicht nur für Prestige, sie haben auch einen praktischen Vorteil: Das Orff-Stück ist gut geprobt, kommt schon an diesem Sonntag zum Einsatz, wenn der Chor sein 160-Jahr-Jubiläum im Stammhaus feiert. Und: Solche Auslandsreisen sind "unbezahlbar für das Teambuilding".

Stimmung beeinflusst Stimme

Womit wir bei einem Kernthema sind: der mentalen Arbeit. "Jeder Chor, jedes Orchester wird zu einem Team, wenn man die Energie in eine Richtung kanalisiert", sagt Ferlesch. Und im Gesang sei die Psychologie besonders wichtig, denn die Stimmung beeinflusst die Stimme. "Die Menschen nehmen ihren Tag in die Probe mit. Das Einsingen ist nicht nur eine stimmtechnische Angelegenheit - es ist eine Schleuse zur Musik. Es liegt in meiner Verantwortung, dass sich die Sänger wohlfühlen."

Dazu muss man wissen: Wie (fast) alle Konzertchöre besteht die Singakademie nicht aus Berufssängern, sondern Enthusiasten, die sich viel Zeit freischaufeln - ohne Honorar dafür. Der Chor zahlt aber Zuschüsse zu privatem Gesangsunterricht und trägt Reisekosten. Das größte Plus ist wohl: Ein Mitglied der Singakademie arbeitet mit Klassikstars auf Tuchfühlung. "Es ist der musikalische Himmel auf Erden", wirbt Ferlesch, der immer interessiert ist "an gut singenden Damen und Herren".

Und ist er selbst ganz glücklich? Immerhin studiert Ferlesch den Chor "nur" ein - Feinschliff und Interpretation übernimmt der Dirigent des Abends. Für den Oberösterreicher, seit 20 Jahren in dem Job tätig, keine Frage. Zwar ist auch er immer wieder gern als Dirigent mit Endverantwortung tätig (vor allem mit seinem Chor Ad libitum, der heute in der Stadthalle bei "Best of Austria Meets Classic" singt). Die Arbeit mit der Singakademie sei aber ebenso lohnend: "I am completely fine with it."

Das Jubiläumskonzert am Sonntag ist ausverkauft, die Generalprobe (Samstag) aber für das Publikum geöffnet worden. Karten unter https://konzerthaus.at