Astronomischer und programmatischer Sommersaisonbeginn in Grafenegg: Und ja, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Zumindest zeitweilig fühlte man sich im Verlauf des ersten Zusammentreffens mit dem Wolkenturm in diesem Jahr ein wenig zu euphorisch. Immerhin war’s ein Grund, ein glückliches Facebook-Posting für den digitalen Freundeskreis abzusetzen: "Grafenegg Sommernachtsgala 2018 - das erste Mal ohne Regen - dafür mit Kaiserwetter..."

Zum Auftakt herrschte tatsächlich noch strahlender Sonnenschein vor, und Chefdirigent Yutaka Sado verbreitete mit seinen Tonkünstlern feurigen Glanz bereits in Rossinis Ouvertüre zur "La gazza ladra".

Glänzend gestalteten sich die Auftritte von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und Festivalintendant Rudolf Buchbinder: Beide wiesen auf die Bedeutung des Gedenkjahres hin. Das Sommer-Festival Grafenegg wird passend heuer am 17. August mit Benjamin Brittens "War Requiem" eröffnet werden.

Nicht weniger glänzend gestalteten sich die Auftritte der südafrikanischen Starsopranistin Pretty Yende. Welch eine Diva in schillernd rotem Glitzerprunk hier auftrat! Doch anfangs, in Elviras "O rendeti"-Arie aus Donizettis "Puritanern", kämpfte sie mit Akustik und Intonation. Ebenso zweifelhaft absolvierte Tenorpartner Joseph Calleja Radames‘ "Celeste Aida" aus der Verdis ägyptischer Oper. Mit orchestralen Intermezzi von Hector Berlioz bis Leonard Bernstein und zauberhaften Auftritten der holländischen Cellistin Harriet Krijgh (etwa Offenbachs "Les larmes de Jacqueline") waren die anfänglichen Hoppalas schnell vergessen.

Überschattet war die Aufmerksamkeit des Publikums nur von den mittlerweile aufgezogenen Wolken über dem Wolkenturm. Die ersten Regenhäute wurden übergeworfen, schon regierte wieder die Grafenegger Sturmwarnung, Lautsprecher und Pulte zitterten ebenso wie die Nerven von Publikum und TV- wie Konzertproduzenten. Dennoch strahlte das Tonkünstler-Orchester unglaubliche Ruhe aus. Und genau durch diese Souveränität der Partiturauslegung (Konzertmeister Vahid Khadem-Missagh hatte das Team bestens unter Kontrolle) waren alle von der enormen gesanglichen Steigerung in Callejas "Lucevan le stelle", der berühmten Cavaradossi-Arie, gebannt - und nicht minder von Yendes Erscheinung in Luigi Arditis "Il bacio".

Komplettiert wurde das alles durch das wirklich perfekte "Parigi, o cara, noi lasceremo"-Liebesduett der beiden Stimmen aus Verdis "La Traviata" und das obligate "Pomp and circumstances"-Feuerwerk, das in diesem Jahr letzten Endes doch noch ohne begeisterungslöschende Regentropfen abgebrannt wurde. Windböen, begeisterter Applaus - und dann rasch zum Parkplatz.