"Wo man singt, da lass dich ruhig nieder / böse Menschen haben keine Lieder." Der Kalenderspruch, den Hausherr Matthias Naske zu Beginn zitierte, lässt sich zwar mit Ausnahmefällen widerlegen (Stichwort NS-Zeit). Er erwies sich am Sonntagabend aber als würdige Einleitung. Immerhin feierte die Wiener Singakademie ihr 160-jähriges Bestehen: Das Ensemble ist ein beständiger Quell von Qualität und somit ein guter Grund, seinen Hauptarbeitgeber, das Wiener Konzerthaus, immer wieder zu besuchen.

Dort musste sich der Chor am Sonntag ausnahmsweise nicht Bühne und Beifall mit einem Orchester teilen. Lediglich um Solisten ergänzt, sang er anfangs Fazil Says "The Bells" (2014) - eine durchwachsene Kantate. Schwelgt der türkische Tonsetzer anfangs in süßer Filmmusik-Fülle, mengt er später etwas Pfeffer bei: Die beiden Klaviere (Gebrüder Kutrowatz) grundieren die Chorsätze mit vertrackten, treibenden Riffs.

Carl Orffs Prachtwerk vom sinnlichen Mittelalter "Carmina Burana" (in kleiner Fassung mit zwei Flügeln und Perkussion) lässt dagegen kaum Wünsche offen. Die rasanten Rhythmen sitzen vom beginnenden bis zum abschließenden "O Fortuna", die Herren beweisen im "Kramer"-Lied genüssliche Stimmfülle, die Damen im "Waldesgrün" vitale Wendigkeit. Wie immer eine Bereicherung: Bariton Adrian Eröd, hier als Lüstling und Bacchant in überraschender Vokalhöhe tätig. Zuletzt Jubel, auch für den zwitschernden Sopran von Mirella Hagen, den sterbenden Schwan von Countertenor Antonio Giovannini, den Superar-Kinderchor und natürlich Singakademie-Leiter Heinz Ferlesch.