Leonard Bernstein hat die kritischen Jahre, die nach dem Tod eines Künstlers darüber entscheiden, ob seine Arbeit bleibt oder ob sie in die Vergessenheit sinkt, bravourös überstanden. Heute, fast auf den Tag genau 100 Jahre nach seiner Geburt am 25. August 1918 in Lawrence, Massachusetts, und knapp 28 Jahre nach seinem Tod am 14. Oktober 1990 in New York ist er, mit allen Verschiebungen, die der Wegfall der physischen Präsenz bedingt, so gegenwärtig wie eh und je.

Es bedarf nicht des runden Geburtstags, um deutlich zu machen, dass Bernstein der Musik-Allrounder war, der seine Zeit am nachhaltigsten prägte und am deutlichsten in die Gegenwart fortwirkt. Freilich ist eine Wandlung eingetreten: Jetzt steht nicht mehr der charismatische Dirigent im Mittelpunkt, der sich die Werke von Beethoven über Mahler bis Strawinski so anverwandelt, als habe er sie selbst geschrieben, jetzt ist es der Komponist Leonard Bernstein.

Der Komponist setzt sich durch

Seinerzeit rümpften feinsinnige Kritiker, die in post-webernschen Zwölftonreihenzerstückelungen die Zukunft der Musik zu hören glaubten, die Nase über die hemdsärmelige amerikanische Kapellmeistermusik. Heute aber ist längst klar, dass Bernstein in der konsequenten thematisch-symphonischen Durcharbeitung der Musik in "West Side Story" für das Musical in etwa das geleistet hat, was Richard Wagner seinerzeit für die Oper gemacht hat. Heute führen bedeutende Dirigenten Bernsteins symphonische Werke auf, die im Spannungsfeld zwischen C-Dur und Zwölftontechnik auch um Harmonierückungen nicht verlegen sind, die Bernstein geradewegs aus dem Jazz und der Popmusik abgeleitet hat.

"Mass", geschrieben von einem durch und durch humanistisch gesinnten Juden über die pazifistische Botschaft des Christentums, nimmt sich mit ihren kontrastierenden und einander kommentierenden stilistischen Ebenen heute als eine frühe Botschaft der musikalischen Postmoderne aus. "Candide", eigentlich mehr komische Oper als Operette, steht da als funkelndes Juwel eines intellektuellen Musiktheaters, das, gewollt oder ungewollt, zu Monty Python grüßt. Selbst die sperrige späte Oper "A Quiet Place", der man kaum Überlebenschancen eingeräumt hat, wird wieder hervorgeholt und als erstaunlich zeitgemäßer Kommentar über das Recht des Menschen an seiner Individualität erkannt. Die drei Symphonien wiederum erscheinen mit zunehmender Regelmäßigkeit auf den Spielplänen, und die "Chichester Psalms" haben sich zum Lieblingswerk von Chören gemausert, darin nur noch übertroffen von Carl Orffs "Carmina burana".