Anton Bruckner hat seine Fünfte Symphonie nie gehört. Der Aufführung in Graz - Franz Schalk dirigierte eine von ihm selbst
verfasste, arg korrumpierte (um nicht zu sagen: verschandelte) Version - musste der Komponist krankheitsbedingt fernbleiben. Erst 1935 spielten die Münchner Philharmoniker unter Siegmund von Hausegger die Originalfassung.

Bruckner war gerade an der Wiener Universität Lektor für Harmonielehre und Kontrapunkt geworden, als er die Symphonie komponierte. Ein Charakteristikum der Fünften ist zweifellos ihr didaktisches Moment. Das Werk strotzt nur so vor Kontrapunktik. Wiewohl Bruckner dem Hörer generell arglos Einblick in seine Werkstatt gewährte. Im Gegensatz zu Brahms, der Bruckner ja jede Ahnung von einem geordneten musikalischen Aufbau absprach. Die einen mögen es die fehlende Kunst des Übergangs nennen. Für den Musikwissenschafter Harald Kaufmann ist das lose Nebeneinanderstellen von Themen, der parataktische Kompositionsansatz, ein typisch österreichischer Wesenszug.

Diese Brüche in der Satzfaktur ließ Franz Welser-Möst durch die Wiener Philharmoniker perfekt zutage treten. Ein Höchstmaß an Transparenz zeichnete die Interpretation aus. Mit straffen Tempi und einer stringent kalkulierten Dramaturgie führte Welser-Möst das Orchester durch die vier Sätze. Mit einer feinen Mischung aus klarer Vorgabe und kontrolliertem Freiraum. In Summe ein perfekter, fast weltentrückter Nachsommer-Abend beim Wolkenturm in Grafenegg.