"Wer’s hört, wird selig" heißt Otto Schenks neues Buch. Der 88-jährige Schauspieler und Regisseur schildert darin seine musikalischen Erweckungserlebnisse und wühlt im reichen Anekdotenschatz seiner jahrzehntelangen Karriere des Opern-Inszenierens. Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung", bei Tee in seiner Bibliothek, erzählt er, warum Musikhören für ihn immer Arbeit ist, wieso die "Zauberflöte" ein Himmelfahrtskommando ist und dass nun endlich sein Traum, Dirigent zu werden, in Erfüllung geht.

"Wiener Zeitung": Wie hören Sie Musik am liebsten, hier in Ihrer Bibliothek?

Otto Schenk: Ich hör gern allein hier meine Platten. Ich bin kein Freak von technisch tollen Aufnahmen, mich interessiert, wie meint es der Komponist, warum ist es so kompliziert, warum ist es manchmal so lang, warum ist es manchmal nicht melodiös. Und dann interessiert mich, wie will der Dirigent das schildern. Da versuch ich, mein schwaches Gehör zu schulen. Ich hab immer das Gefühl, ich mache eine Übung, wenn ich Musik höre. Ich kann nicht Musik unmittelbar hören, nur mittelbar, ich muss was zu tun haben, wenn ich Musik höre.

Ist es nicht schade, wenn man Musik nie einfach nur genießen kann?

So sind die Stücke aber auch nicht gemeint. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Beethoven oder der Brahms das nur als schönes Gedudel geschrieben haben, dazu ist es zu kompliziert. Die Stellen, die als Gedudel komponiert sind und die dann Ohrwürmer werden, die sind ja nicht so häufig in einer Symphonie. Wie es dazu kommt, was denen alles passiert, das ist das Interessante.

Die meisten Menschen hören aber nicht so Musik . . .

Die meisten Leute hören überhaupt nicht Musik. Und das, was sie hören, ist nicht so gemeint. Dass die Symphonien trotz ihrer Kompliziertheit so eine Popularität haben, ist das zweite Bein, das den genialen Hunden gewachsen ist. Zum Musikhören muss ich auch aufgelegt sein. Ich kann Musik nicht immer hören. Manchmal geht sie mir auf die Nerven.

Dann müssen Sie ja leiden, wenn Sie an Orten sind, wo es eine Ambiente-Beschallung gibt.

Das halt ich nicht aus, das halte ich für Verrat an der Musik. Mein erstes großes Erlebnis war ein Stehgenuss von der Achten Symphonie von Bruckner - ein Durchstehen der Achten. Diese Chimborazo-Besteigungssucht hat auch immer dazu geführt, dass ich die großen Symphonien gerne durchlitten habe.

In Ihrem Buch schreiben Sie, Sie wären unter anderem gerne Tubabläser geworden . . .

Das war das Instrument, das mir am ähnlichsten war. Ein Bombardon hätte ich noch lieber gehabt. Wenn man so umhüllt ist von einem blechernen Elefanten. Wahnsinnig gern wäre ich Dirigent geworden. Diese Lust lass ich jetzt im Goldenen Saal aus. Ich gönne mir ein Dirigat mit einem wunderbaren Orchester, das auf meinen Unfug eingeht. Eine Partitur ist für mich ja ein Fliegenschiss.