Auf Unsicherheit ist Verlass bei "Wien Modern": Das Neuton-Festival hat sich das Thema heuer auf die Fahnen geschrieben, und es trägt ihm bis ins verblüffende Detail Rechnung. Ein Konzertende um 21 Uhr? So steht es im Internet, erweist sich aber als falsche Fährte: Tatsächlich setzt es am Mittwoch im Konzerthaus 40 Minuten mehr.

Überhaupt erweist sich dieser Halloween-Abend mit den Wiener Symphonikern als Hort des Unwägbaren: Die Qualität der Stücke schwankt zwischen Süßem und Saurem. Iannis Xenakis‘ "Metastaseis"? Meterware der Neuen Musik. Harrison Birtwistles "Panic"? Wie furioser Freejazz, doch zu lang für ein Bravourstück mit Solo-Trompete. Der "Marche fatale" von Avantgarde-Mann Helmut Lachenmann? Bizarr: eine tonale Humpapa-Humoreske.

Im Zentrum die zwei Uraufführungen des Abends: Malte Giesens "Konzert für hyperreales Klavier und Orchester" greift tief in die digitale Trickkiste, um sie für den Konzertflügel nutzbar zu machen, liefert aber vor allem stockende Stückwerkmusik rund um ein präpariertes Midi-Piano. Julia Purgina gelingt dafür Fulminantes: Ihr "Akatalepsia" bietet dem Hörsinn keinen festen Boden, doch schwankende Schönheit im Überfluss. Es leuchten Klangflächen wie ein Himmel voller Wendepailletten, entfalten weiträumige Entwicklungen dezente Sogwirkung, verdichten sich Haltenoten zu Wucht-Ausbrüchen und singt sich ein melodiöser Tonfall aus, ohne seine magische Vagheit je Preis zu geben - Jubel für die österreichische Komponistin.