Wider den Starkult: Hartmut Welscher. - © Christine Fiedler
Wider den Starkult: Hartmut Welscher. - © Christine Fiedler

Am Anfang stand der Frust. Seit seiner Kindheit hat Hartmut Welscher, der heute 38-jährige Berliner, für die klassische Musik geschwärmt. Ein Printmedium für diese Leidenschaft hat er sich aber nie gefunden. Die meisten Zeitungen, meint Welscher, würden ein versprengtes Stückwerk an Kritiken servieren; die Fachmagazine wiederum vor allem einem Starkult huldigen und im Schlepptau der Musikindustrie auf jeden Trendzug aufspringen.

Was also tun? Ohnedies nach neuen Jobperspektiven suchend, schuf der ehemalige Entwicklungshelfer vor eineinhalb Jahren selbst Abhilfe - und rief sein eigenes Online-Magazin ins Leben. "VAN" heißt es, und der Name - eine Verknappung des Komponistenheiligen Ludwig van Beethoven - deutet schon auf die Tonart der Artikel hin: ungekünstelt, geradlinig sollen sie klingen. Im Ton leidenschaftlich wie ein Sport-Fanzine, in der Sache dafür gehaltvoll wie ein Feuilleton. Tatsache: Das Konzept geht bei "VAN" überraschend oft auf. So sehr es irritiert, wenn die Komponisten-Koryphäe Helmut Lachenmann im Interview geduzt wird - das Gespräch erreicht dann doch Tiefen, die so mancher verzopfte Text nicht erreicht.

Komponisten-Outing - mit aggressiven Reaktionen


Dabei arbeitet "VAN" nicht nur auf konventionellem Gebiet anders. Auch neue Bahnen werden hier beschritten: Das Magazin, das jeden Mittwoch neue Artikel liefert (zwei davon gibt’s pro Monat gratis, den Rest gegen eine Abo-Gebühr), schreibt auch über die (vermeintlichen) Opern des nordkoreanischen Diktators Kim Il-sung, über Klassik-Streaming-Portale oder die Soundtracks zu legendären Computer-Spielen - selbstverständlich unterfüttert mit Multimedia-Beispielen. Wobei man die Möglichkeitsfülle des Internet auch für Playlists nutzt, die renommierte Musiker zusammenstellen.

Kurz gesagt - eine schöne Sache. Aber kann man davon auch leben? Ja, sagt Welscher. Er betreibt das Magazin gemeinsam mit fünf Kollegen, die Autoren sind weitgehend freie Mitarbeiter. Finanziert wird "VAN" durch Eigenkapital, Abonnements (rund 2000 derzeit) und Werbung. Wobei es im Anzeigenbereich gar nicht schlecht stünde: Für alle Ausgaben bis zum Sommer gebe es bereits fixe Werbepartner. Seit Jänner erscheint "VAN" auch auf Englisch, pro Monat habe man 25.000 Leser.

Die stattliche Zahl mag nicht zuletzt daher rühren, dass dem Magazin zuletzt ein - kontroverser - Coup geglückt ist. So verblüffte der österreichische Tonsetzer Georg Friedrich Haas, bisher vor allem als Meister mikrotonaler Klänge bekannt, in "VAN" mit einem intimen Geständnis: Der gebürtige Grazer, seit 2013 Professor an der Columbia University in New York, bekannte sich öffentlich zu einem Faible für sadomasochistische Praktiken. Illustriert von einem Foto des 62-Jährigen mit seiner (barbusigen) neuen Ehefrau, sorgte der Bericht für heftige Debatten im Internet - und auch aggressive Reaktionen. Skandaltreiberei? PR-Coup des Komponisten? Welscher bestreitet dies: "Wir hatten für unsere US-Ausgabe einen Schwerpunkt zum Thema Sexualität in Vorbereitung; ein Porträt von Haas war schon länger geplant." Geführt habe das Interview dann der ehemalige Haas-Schüler und Journalist Jeffrey Arlo Brown. Dem habe der Komponist weitaus mehr erzählt als ursprünglich gedacht.

Aber ist diese Geschichte - so befreit sich Haas erklärtermaßen dadurch fühlt - nicht doch sehr boulevardesk? Welscher hat damit kein Problem. "Erstens ist ein bisschen boulevardesk nie schlecht." Und zweitens: "Haas bekennt sich in dem Artikel nicht nur zu gewissen Neigungen. Es werden ja auch Zusammenhänge zwischen Sexualität und Kunst thematisiert." Ein Punkt, in dem man Welscher nach Lektüre des profunden Textes nur recht geben kann. Wie ungeschminkt die Klassik aber in der Gegenwart ankommen darf - darüber lässt sich trotzdem getrost diskutieren. Was der Klassik, aber auch "VAN" nur nutzen kann.