Das Foto im Booklet hat einen gewissen Witz. Kirill Gerstein spielt in einem leeren Zimmer Klavier, seine linke Hand schwebt in luftiger Höhe. Was wird dieser Arm wohl tun, wenn er auf die Tasten zurückkehrt? Man darf annehmen, dass er dort ein intimes Stück fortsetzt. Mehr passt ja auch nicht in den Raum.

Tatsächlich ist auf diesem Album ein Werk zu hören, das an Länge, Lautstärke und Besetzungsgröße ziemlich alles in den Schatten stellt: das Klavierkonzert von Ferruccio Busoni. Mehr als eine Stunde dauert es und wird nicht nur von einem Orchester begleitet, sondern zuletzt auch einem Männerchor. Wobei diese Herren, der Seltsamkeiten nicht genug, ein Loblied auf Allah singen. Obwohl Busoni kein Moslem war. Und überhaupt kein sehr religiöser Mensch.

Woran der Italiener (1866-1924) allerdings glaubte, war ein "besseres" Klavierkonzert. Ein Stück ohne den eitlen Firlefanz der Virtuosen. Stimmt zwar: Auch in diesem Werk zieht der Solist dann alle Register seiner Kunst. Laut Busoni aber nur, um auf Augenhöhe mit dem Orchester zu agieren. Sein Konzert will ein Gebäude geistreicher Melodien errichten - einer Symphonie ebenbürtig.

Es wundert nicht, dass dieser Koloss von 1904 dann keinen Platz im Repertoire gefunden hat. Das liegt nicht nur an seinen Maßen, sondern auch an Stilbrüchen. Da prallt eine akkordsatte Romantik der Marke Brahms immer wieder auf italienische Gassenhauer. Und das bessere Chorfinale hat Mahler für seine Zweite Symphonie geschrieben.

Trotzdem: Busonis Monumentalität ist atemberaubend - und mancher Gipfel dieses Massivs berückend schön. Kirill Gerstein meistert die Notenberge nahezu mit Superkräften, Dirigent Sakari Oramo hält die Akkordwogen auch dort transparent, wo sie über dem Hörer zusammenzuklatschen drohen: bravourös.

Apropos Opulenz. Sie ist auch Sergei Rachmaninows Musik zu eigen, genauer gesagt: eine enorme Gefühlsfülle. Keiner hat die Extreme des Schmachtens und Schwelgens, Sehnens und Stürmens mehr ausgekostet als der russische Erzromantiker (1873-1943). Dabei singt manches Stück zwar so schlicht und sentimental dahin, dass man es fast eine Popballade ohne Worte nennen will. Mögen darf man das aber trotzdem.

Vor allem unter dem Zugriff von Bruno Philippe und Jérôme Ducros. Der Cellist und der Pianist bringen die Noten zum Glühen, sind aber um Momente des Ausgleichs bemüht, um einem Völlegefühl vorzubeugen: In den zwei Stücken für Cello und Klavier op. 2 und der Sonate op. 19 stellen sich mitunter erfreulich schlanke Passagen ein. In Summe dennoch ein Hochamt für das große Gefühl, ergänzt um eine Sonate des unbekannten Russen Nikolai Mjaskowski.