Albert Roussel ist eine Entdeckung wert! Der französische Komponist begann im Umkreis des Impressionismus und entwickelte seine Musik dann in Richtung Neoklassizismus. Indische Skalen verbindet er mit freier europäischer Tonalität und einem raffinierten Kontrapunkt, der bei aller technischen Virtuosität klangsinnlich bleibt.

Die Box enthält auf elf CDs zu einem sehr günstigen Preis nahezu das Gesamtwerk Roussels. An wesentlichen Stücken fehlt lediglich die komische Oper "Le testament de la tante Caroline". Alle Aufnahmen sind Neuauflagen von Einspielungen, von denen viele lange nicht mehr greifbar waren, technisch tadellos und prominent besetzt: Unter den Dirigenten sind etwa André Cluytens, Charles Munch, Michel Plasson und Serge Baudo, unter den Sängern Mady Mesplé, Marilyn Horne, Nicolai Gedda und José van Dam.

Nach wie vor überwältigt die Begegnung mit der Oper "Padmâvatî", deren zweiter Akt ein Musterbeispiel für den beharrlichen Aufbau von Spannung ist. An den vier Symphonien lässt sich der Entwicklungsweg Roussels ablesen, die dritte und die vierte mit ihren rhythmischen Impulsen und explosiven Steigerungen haben wenig ihresgleichen. Ein zauberhaftes Gespinst ist das Insektenballett "Le festin de l’araignée" (Das Fest der Spinne), ein ausladendes Werk, das ein mehr imaginiertes als erlebtes Indien beschreibt, sind die "Evocations". Aber vielleicht ist es am besten, Roussel in seiner vielgestaltigen Kammermusik kennenzulernen - auch dazu gibt es reichlich Möglichkeiten mit dieser höchst willkommenen Box.

Paul Hindemith eilt der Ruf voraus, etwas verschult trockene Musik geschrieben zu haben, die oft nur dazu dient, die Tauglichkeit seines eigenen theoretischen Systems zu beweisen. Roman Mints (Geige) und Alexander Kobrin (Klavier) legen Hindemiths komplettes Werk für Geige und Klavier vor - und ganz räumen sie das Vorurteil nicht aus. Beispielsweise kann selbst der melodisch beseelte Mittelsatz nicht verhindern, dass die Sonate in C vor allem nach Hausmusik klingt. Aber welches Feuer lodert in den beiden Sonaten op.11, wie frisch sind die schnellen Sätze, wie spannungsgeladen feierlich die langsamen! Ein Wunderwerk ist auch die "Trauermusik", die alle Tonsatztheorien hinter sich lässt und so zärtlich und schön ist, wie Musik nur sein kann. Die Meditation aus "Nobilissima Visione" steht kaum nach.

Mints und Kobrin sind bestens aufeinander eingespielt. Der leuchtende Klang ihres Musizierens überwindet selbst die etwas mehligen Stellen des Kontrapunkts. Temperament und kluge Disposition der Temporelationen gehen bei diesen beiden Interpreten eine perfekte Verbindung ein. Besser geht’s nicht!