Was tun, wenn eine Oper politisch kompromittiert, künstlerisch aber ein Meisterwerk ist?

Der Fall Othmar Schoeck (1886- 1957) ist schwierig: Der Schweizer war politisch naiv und hofierte den Nationalsozialisten - nicht, weil er deren Ideologie schätzte, die war ihm gleichgültig. Er wollte nur die Bühnen des sogenannten Dritten Reichs für seine Opern gewinnen. Die wiederum waren problematisch wegen ihrer verblasenen Texte, die sich Schoeck meist von befreundeten Amateurdichtern schreiben ließ. Nur "Penthesilea", eine Literaturoper nach Kleist, wäre durchsetzbar gewesen: ein expressionistischer Geniestreich ohne Parallele, aber Sänger, die Kleists komplexe Verse nicht nur singen, sondern über weite Strecken auch sprechen müssen, und ein Orchester mit unter anderem zehn Klarinetten hemmen bis heute die Verbreitung.

"Das Schloss Dürande" ist Schoecks letzte Oper, 1943 unter Karl Böhm in Berlin uraufgeführt. Das Libretto schrieb Hermann Burte - ein Berufsschriftsteller, aber einer, der den Ideen der Nationalsozialisten anhing und sie ins Libretto einbrachte. Reichsfeldmarschall Hermann Göring schäumte nach der Lektüre dennoch über diesen "Bockmist", der "für einen Schwank zu blöde" sei.

Der Dirigent Mario Venzago, der sich stets für Schoecks Schaffen einsetzte, wollte das "Schloss Dürande" retten: Kein Wunder, die Musik ist grandios. Sie glüht und leuchtet teils in harmonisch verwegenen Schichtungen, teils sucht sie nach Möglichkeiten, längst Bekanntes durch neue Zusammenhänge zu entstauben. Francesco Micieli fiel die Aufgabe zu, ein neues Libretto zu schreiben, und Venzago passte die Musik an. Damit hat man jetzt erst recht ein Problem: Denn das Ergebnis ist ein Stück, das der Komponist so nicht geschrieben hat.

Um die Problematik zu verdeutlichen: Wagners "Lohengrin" hat manch eine mediokre und inhaltlich anfechtbare Textpassage. Soll man einen neuen "Lohengrin"-Text in Auftrag geben, etwa bei Elfriede Jelinek, und was nicht passend ist, macht Christian Thielemann passend? Der Text wäre gewiss besser, und die musikalische Adaption käme von kundiger Hand - aber ist das dann noch Wagners "Lohengrin"? Schoeck hat nun einmal - leider - Burte komponiert und nicht Micieli. Eine weitere Frage taucht im Zusammenhang auf: Wird ein in politischem Ungeist geschriebenes Werk gereinigt, wenn man den Text auf politisch einwandfrei umschreibt?

Auf der Haben-Seite ist eine makellose Einspielung zu verbuchen, während man auf dem technisch jämmerlichen Uraufführungsmitschnitt kaum etwas gehört hat.

Die Soll-Seite aber wiegt schwer: Es ist nicht Schoecks "Schloss Dürande", sondern nur eine Fassung von Schoecks "Schloss Dürande". Es fragt sich, ob dieses Werk unter solchen Umständen nicht besser in der Schublade geblieben wäre.

Wenn doch die Musik nur nicht gar solch eine Klangpracht entfalten würde, dass man alle Makel vergisst und alle Bedenken hintanstellt . . .