Glockenschläge, eine Türklingel läutet, gesprochener Beginn: Ein Mann ist verhaftet. Umschattete Klänge im Orchester, allmählich rhythmischer Puls, die Themen klar und doch irgendwie ungreifbar. Wie Gottfried von Einem gleich zu Beginn seiner Franz-Kafka-Oper "Der Prozess" die Stimmung festlegt, verrät eine Bühnenpranke, wie sie nur wenigen Komponisten gegeben ist. Einem erzeugt eine fast beispiellose Spannungskurve vom verhangenen Beginn bis zum Finale, wenn im Dom der Prozess ins Urteil übergeht und das Orchester die erschreckende Szenerie zum rituellen Opfertanz steigert. Welch eine Oper!

Wiederholt hat der österreichische Komponist seine Begeisterung für Carl Orff artikuliert und dessen "Antigonae" bei den Salzburger Festspielen als Uraufführung durchgesetzt. Man spürt diese Affinität in keinem Werk Einems so deutlich wie in der Kafka-Oper. Die rhythmischen Einton-Deklamationen, die Wirbelfiguren der Holzbläser, der unablässige Puls - darin schägt sich dieses Orff-Erlebnis nieder. Doch zugleich misstraut Einem der Kargheit, die Orffs antiken Tragödien wohl ansteht, nicht aber einer "Prozess"-Oper. Und so kann Josef K. beispielsweise über den Einfluss der Frauen auf eine Weise aussingen, so schwärmerisch und schön, wie nur je in einer Oper. Immer wieder schiebt Einem solche lyrischen Gebilde ein, aber sie sind höchstens retardierende Momente, geeignet, den Rhythmus einige Augenblicke lang aufzustauen und dann mit umso größerer Gewalt losbrechen zu lassen.

Vom "Prozess" gab es bisher einen Mitschnitt der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen unter Karl Böhm mit dem über Einems Noten wegsingenden Max Lorenz. In der neuen Einspielung auf der Basis einer konzertanten Aufführung bei den Salzburger Festspielen werden Einems Noten ganz genau beachtet - die Intensität ist ungeheuer. Dirigent HK Gruber akzentuiert die Rhythmen schärfer als Böhm, der vielleicht die Zwischentöne feiner nuanciert, die Gruber einem Überwältigungstheater unterordnet - das sich auch prompt einstellt. Wer diese Aufnahme nicht kennt, weiß nicht, wie sehr die Oper des 20. Jahrhunderts in ihren Spitzenwerken zu fesseln vermag.

Der Engländer Jonathan Dove, eine Generation jünger als Einem, hat für Opern eine gute Hand bewiesen, in denen musicalartige Rhythmen den Fuß des Zuhörers mitwippen lassen. Allerdings gilt die Regel, dass für erstklassige Opern eine zweitklassige Musik völlig ausreicht. Doves Orchesterwerke führen die Prozesse der Minimal Music weiter und legen über die Rhythmusgitter filmische Melodien und bunte Schlagwerkakzente. Jeden Moment scheint der Vorhang hochgehen zu wollen. Doch was in der Oper erlaubt ist, ist im Konzert nur Konfektionsware mit einigen Momenten, die aufhorchen lassen.