Wenn Mystik auf Geschmacksverirrung trifft, kommt "Das Wunder der Heliane" heraus. Die Oper ist ein Paradebeispiel für das verschwitzten Zwischenkriegs-Mystagogeln - aber, ja: Sie hat was. Vor allem die grandiose Musik von Erich Wolfgang Korngold.

Aber die Handlung. . . - also: Was da Hans Müller-Einigen auf der Basis von Hans Kaltnekers "Die Heilige" dem Komponisten und dem Publikum zugemutet hat, ist schon verwegen, gelinde gesagt. Da will ein Herrscher, dass sein Land eine grau-in-graue Tristezza ist, weil ihn seine Frau Heliane nicht liebt. Ein Fremder kommt, um Freude zu spenden. Dafür wird er zum Tod verurteilt. Ehe er hingerichtet wird, schenkt ihm Heliane den Anblick ihrer Nacktheit. Weiter geht sie nicht. Genau das glaubt ihr der Herrschergemahl nicht und verurteilt sie zum Suizid. Den begeht allerdings der Fremde. Worauf der Herrscher auf die nächste perverse Perfidie kommt: Heliane wird begnadigt, wenn sie den Fremden von den Toten auferstehen lässt. Tatsächlich wird der Fremde wieder lebendig, was den Herrscher so erbost, dass er Heliane tötet. Darauf verbannt der Fremde den Herrscher und steigt mit Heliane in den Himmel auf.

Das "Wunder" war die letzte Oper des Österreichers, ehe ihn der Rassenwahn der Nationalsozialisten in die USA trieb, wo er die Filmmusik revolutionierte. Der Erfolg war so groß, dass die österreichische Tabakregie eine Zigarette namens "Heliane" auf den Markt brachte.

Regisseur Christof Loy bleibt in seiner Inszenierung nahe am Stoff, treibt ihm aber die schwülen Verschwitztheiten weitestgehend aus.

Dirigent Marc Albrecht zelebriert Korngolds orchestralen Klangrausch ideal. Es ist eine Musik, die betören will und es auch tut. Ihr Strömen hat aber auch etwas Uferloses. Prägnante Nummern, wie sie Korngold mit dem Lied der Marietta und dem Lied des Pierrot in seiner größten Erfolgsoper, "Die tote Stadt", geschrieben hat, fehlen in der Heliane - genauer: Sie fehlen nicht, sondern es gibt ein Übermaß davon. Ständig entstehen Melodien und Themen, die man im Ohr behalten will, aber ehe das gelingt, ist die nächste Wendung da, die man beglückt behalten will, nur um sie ob der darauffolgenden wieder zu vergessen. Dazu leuchten dichte Akkorde, die gerade noch in ihren Tonarten verharren. Korngold überbietet alles, was Richard Strauss und Franz Schreker an Klangexzessen geschrieben haben - nur kann gerade das als Manko empfunden werden: Es stellt sich eine Übersättigung ein, die verhindert, dass man die Schönheiten dieser Musik bewusst wahrnimmt. Benommen versinkt man in diesen Klängen und lässt sich von ihnen berauschen, statt ihnen zuzuhören.

Dennoch: Diese Oper muss man kennen - und zwar gerade in dieser übrigens auch makellos gesungenen Aufführung. Ein Meisterwerk ist zu entdecken!