Angesichts der CD, die im Gefolge des Sommernachtskonzerts erscheint, stellt sich alljährlich die gleiche Frage: Warum eigentlich diese Scheibe? Erschließt sich die Großraum-Veranstaltung der Wiener Philharmoniker nicht am besten vor Ort, also in Schönbrunn, wo man zwar vielleicht einem grimmigen Wetter zu trotzen hat und auf alle Fälle schwafelnden Nachbarn und Handy-Knipsern, aber dafür in den Genuss eines Ausnahmekonzerts der Philharmoniker gelangt, fern ihres natürlichen Habitats im Wiener Musikverein, direkt vor einem Prachtschloss, umgeben von schillernden Lichteffekten und in Sichtweite von Glamour-Gestalten wie Yuja Wang, die den Abend heuer, wie es ein Boulevard-Blatt so knapp bilanzierte, "versexte"?

Nun ja. Der Mitschnitt, jüngst bei Sony erschienen, hat tatsächlich etwas für sich. Er bietet nicht nur einen überlegenen Sound verglichen mit der Verstärker-Batterie von Schönbrunn, er lichtet auch ganz allgemein die Stimmung. Immerhin präsentiert sich das Orchester bei seinem Gratis-Konzert stets als Entertainer, unterhält aber nicht nur mit totgespielten Klassik-Hits.

Auf CD ist dabei freilich keine vollendete Perfektion zu erwarten. Die Mittel, eine Live-Aufnahme hochzupolieren, sind begrenzt, und die philharmonischen Kräfte, gerade zu Konzertbeginn auf der ungewohnten Bühne, nicht auf dem Zenit: Kein Wunder, dass die Geiger bei der "Candide"-Ouvertüre etwas hinterherhecheln. Die Nummer, eine von Bernsteins besten abseits der "West Side Story", bleibt aber nicht ihre quietschvergnügte Wirkung schuldig. Und es mangelt diesem amerikanischen Programm auch danach nicht an Effekten, weder bei Exoten wie "The Stars and Stripes Forever" von John Philip Sousa, einem schnittigen Marsch mit Schönklang-Plus, noch bei Gershwins "Rhapsody in Blue", fulminant und detailgenau von Yuja Wang am Klavier abgeschnurrt. Und Dirigent Gustavo Dudamel? Erweist sich auch bei seinem zweiten Schönbrunn-Auftritt als Garant für Frohsinn und Zugwirkung, ohne sich allzu sehr in Nuancen zu vertiefen. Aber dafür gibt es ja das "Philharmonische" im Musikverein.

Wiener Philharmoniker 2019 Sommernachtskonzert (Sony Classical)
Wiener Philharmoniker 2019 Sommernachtskonzert (Sony Classical)

Eine nächtliche CD ganz anderen Schlags legt der Pianist Matthias Veit vor. Hier lautet das Motto nicht Ausgelassenheit, sondern Einkehr: Die 30 Klavierstücke, meist Miniaturen, beschwören eine Versunkenheit, wie sie aus den Notturnos der Romantik vertraut ist. Schwelgereien und Schwerblütigkeit sind dabei nicht die Sache des Deutschen: Sein Zickzack-Kurs zwischen Skrjabin, Debussy und dem Zeitgenossen George Crumb besticht durch eine feinschliffige Spielart und lässt selbst Chopin unvertraut fragil tönen: ein Album wie ein stimmiges Mixtape.