Claudi Monteverdi L’incoronazione di Poppea
Claudi Monteverdi L’incoronazione di Poppea

Eine der ersten jemals geschriebenen Opern ist auch gleich eine der besten: Über die Latte, die Claudio Monteverdi 1642 mit seiner im venezianischen Karneval uraufgeführten "L’incoronazione di Poppea" legte, sind die wenigsten seiner opernkomponierenden Nachfolger drübergekommen. Nicht zuletzt, weil Giovanni Francesco Busenello ein ideales Libretto schrieb, in dem alles vertreten ist von derber Komik bis zur Tragödie.

Aber was haben sich die beiden gedacht, als sie den Stoff über den nach damaliger Auffassung schlimmsten Tyrannen Roms auf diese Weise behandelten? Da schmieden Nero und Poppea eine Kette aus Befehlen zu Suizid, aus Verrat, Unmäßigkeit und Wollust - und am Ende triumphieren sie und geben sich ihrer Liebe in einem Duett hin, dessen bittersüße Schönheit in der Musikgeschichte nie wieder erreicht worden ist. Der Triumph des Bösen? Der Sieg der Dekadenz? Die Liebe macht alle gleich?

Oder ist es eine Satire, bei der Busenello und Monteverdi der Zorn die Federn führte? 1606 hatte Papst Paul V. die Bevölkerung der Lagunenstadt pauschal exkommuniziert. Seither hing der Haussegen zwischen Rom und der Lagunenstadt schief. Vielleicht war "L’incoronazione di Poppea" die künstlerische Rache an Rom: So sind die Römer, könnten Busenello und Monteverdi gemeint haben, keine Spur von Moral und Charakter.

Dennoch ist "L’incoronazione di Poppea" viel mehr: ein Meisterwerk, das, wie alle überragende Kunst, jedem Betrachter eigene vielschichtige Interpretationsmöglichkeiten suggeriert.

Dabei entwickelt Monteverdi alle Dramatik, alle Charakterzeichnung aus der Deklamation, gestützt durch kühne, sich nie in den Vordergrund drängelnde Harmoniefolgen. Der Ansatz des Alte-Musik-Gurus William Christie ist denn auch der einer Begleitung. Die Singstimmen führen, das kleine Instrumentarium folgt. Das Konzept wirkt im ersten Moment bestechend - aber auf die Dauer lässt die Spannung nach. Monteverdi hat keine Instrumentierung vorgeschrieben. Doch hätte das näselndes Dauer-Grau-in-Grau seinen Idealvorstellungen wirklich entsprochen?

Die Aufnahme von den Salzburger Festspielen lässt die Wahl zwischen einer rein akustischen CD-Wiedergabe und einer auf DVD, bei der Regisseur Jan Lauwers meint, mit Tanz und Pantomime die von Busenello und Monteverdi vorgegebene Dramatik stören oder zumindest kommentieren zu müssen. Wenn Lauwers beim Schlussduell vor Augen führt, dass Nero dereinst auch Poppea sehr unsanft, nämlich mittels Fußtritt auf den Bauch der Schwangeren, töten wird, ist der Tiefpunkt dieser unnötigen Regie erreicht: Die Autoren des Werkes waren bei weitem kühner, wagemutiger und kompromissloser in moralischen Fragen als der Regisseur. Dass man sich trotz aller Einwände dieser Produktion nicht verschließen kann, liegt an einem makellosen Sängerensemble (in dem Nero freilich besser mit einem Countertenor als mit einer Frauenstimme besetzt wäre) - und natürlich und vor allem am Werk selbst.