Heinz Winbeck Sinfonien 1-5 (TYXart)
Heinz Winbeck Sinfonien 1-5 (TYXart)

Am 26. März dieses Jahres ist der deutsche Komponist Heinz Winbeck in Regensburg gestorben. Die CD-Aufnahmen seiner fünf Sinfonien, hat er noch selbst überwacht. Sie haben somit als autorisiert zu gelten - und sind wohl auch exemplarisch: Muhai Tang ist der Dirigent der Ersten Sinfonie, Mathias Husman jener der Dritten, Zweite, Vierte und Fünfte dirigiert Dennis Russell Davies. Allen diesen Aufführungen ist der leidenschaftliche Gestus und der tiefschürfende Ansatz zu eigen, der als charakteristisch für die Musik Winbecks gelten kann.

Winbeck war einer der große Eigenbrötler unter den deutschen Komponisten seiner Generation. 1946 geboren, ist er Zeitgenosse von John Adams, John Tavener, aber auch von Giuseppe Sinopoli - also Komponisten, die neue Wege der Tonartenbindung beschreiten, aber auch die nicht-tonartengebundene Musik weiterentwickeln.

Winbeck interessiert sich dabei weder sonderlich für den Minimalismus eines Adams noch für die meditativen Dreiklangsoasen Taveners und auch nicht für die avantgardistischen Verfahrensweisen von Sinopoli. Winbecks Ansatz ist der eines Bruckner, eines Mahler, vielleicht eines Schostakowitsch, und er hat die expressiven Lehren eines Karl Amadeus Hartmann integriert, ohne einem dieser Komponisten klanglich nachzufolgen. Es ist aber symptomatisch, dass Winbeck seine Fünfte Symphonie auf den Torso der Neunten Bruckners bezieht.

Heinz Winbeck war ein Komponistmit unbedingtem Willen zumAusdruck. - © privat
Heinz Winbeck war ein Komponistmit unbedingtem Willen zumAusdruck. - © privat

Wie Bruckner, so verstand auch Winbeck seine Musik als Auseinandersetzung mit dem Göttlichen: "In allen meinen Sinfonien geht es darum und um die Frage, woher kommen wir und wohin gehen wir. Musik ist ein Gottesbeweis - der stärkste, den ich kenne." Allerdings ist die Haltung nicht frömmlerisch, sondern in hohem Maß Fragestellung und Ringen im Zweifel. Es ist eine Musik, die Großes will - und auch erreicht.

Vor allem ist es eine Musik, die den Zuhörer unmittelbar packt: Ein Sinfoniebeginn wie etwa die Raserei der Ersten prägt sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Winbecks Harmonik ist dabei durchaus avanciert, er lässt weiträumige tonale Felder ebenso zu wie schroffe Akkordballungen und grell dissonante Akkordsäulen. Doch all das ist einzig und allein dem Ausdruck unterworfen. Der Zuhörer fragt nicht mehr, wie diese Musik gemacht ist, sondern wird in sie hineingezogen, von ihr mitgenommen.

Zwei Symphonien beziehen Sing- und Sprechstimme mit ein: Die "Dritte", "Grodek" nach Texten von Georg Trakl für Sprecher (in der Aufnahme Udo Samel) und Altstimme (Christel Borchers) und die "Vierte", "De profundis" abermals mit Texten Trakls und zusätzlich denen eines anonymen Autors, beeindrucken zutiefst mit ihrer tiefen Menschlichkeit und dem Gestus einer inneren Notwendigkeit des Ausdrucks.

Die "Fünfte" ist dann wieder ein rein orchestrales Werk, weiträumig mit seiner einstündigen Dauer, und in die Sphäre der Metaphysik weisend.

Die "Zweite", einstündig auch sie, führt Mahler und Hartmann fort. Der unbedingte Ausdruckswille des Komponisten teilt sich in bestürzender Unmittelbarkeit mit.

Winbecks Musik ist neu kraft ihrer Persönlichkeit, nicht durch ihre Kompositionstechniken - und das macht es schwer, sie zu beschreiben, weil die Parallelen fehlen. Es ist aber ohnedies eine Musik, die gehört und erlebt, nicht zerdacht werden will. Sie besitzt wahre Größe.