Hans Werner Henzes Oratorium "Das Floß der Medusa" ist ein Werk des Aufruhrs. 1968 komponiert, fällt es in die Zeit, in der Henze seine Musik in den Dienst der kommunistischen Propaganda stellte. Mit der Naivität freilich, die nur einem Künstler zu eigen sein kann, der sich die Welt nach seinen eigenen Vorstellungen schafft, setzte Henze Kommunismus und Humanismus gleich. Humanismus und Ho-Tschi-Minh-Rufe schlossen einander in seiner Geisteshaltung nicht aus.

Der dem Werk zugrunde liegende historische Vorgang ist freilich eine Steilvorlage für linke Ideologien: Im Juli 1816 läuft die französische Fregatte "Méduse" vor der Küste Westafrikas auf Grund und wird von der Brandung in Trümmer geschlagen. Die Offiziere und die vermögenden Passagiere retten sich in die viel zu wenigen Boote. Für 146 Männer und eine Frau wird notdürftig ein Floß zusammengezimmert. Zuerst nehmen es die Boote in Schlepp, dann aber, als sie nicht schnell genug vorankommen, kappen sie die Trosse und überlassen das Floß seinem Schicksal. Rund zehn Tage treibt das Floß unter der sengenden Sonne. Um Vorräte zu sparen, werden die 65 schwächsten Menschen erschossen. Es kommt zu Kannibalismus. Am Ende überleben nur 15 Männer. Thédore Géricault stellt die Tragödie in einem Monumentalgemälde dar, das heute im Louvre hängt.

Hans Werner
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In Henzes Oratorium legt der Sprecher, Charon genannt, Zeugnis von den Vorgängen ab. Jean-Charles, der Schwarze, der auf Géricaults Gemälde mit einem (ausgerechnet!) roten Tuch winkt, und der Chor erzählen von den Qualen, La Mort lässt ihre lockende Sopranstimme ertönen. Immer mehr Choristen wechseln von der Seite der Lebenden, in der die Bläser, Symbole des menschlichen Atems, den Ton angeben, auf die in luxuriösem Streicherschönklang schwelgenden Seite der Toten. Auf den Schlussappell zum politischen Umsturz skandiert das Schlagzeug endlos: Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh.

Als bei der Uraufführung in Hamburg auch noch eine rote Fahne über das Podium gespannt wird, ist es Teilen der Mitwirkenden und des Publikums zu viel der linken Agitation. Es folgt ein Polizeieinsatz, die Aufführung versinkt im Chaos und wird abgebrochen. Die eigentliche Uraufführung erfolgt wenig später im Wiener Konzerthaus.

Die Deutsche Grammophon veröffentlichte eine aus den Probenbändern vor der geplanten Hamburger Uraufführung zusammengeschnittene Aufnahme. Die nun von Peter Eötvös am Pult des SWR Symphonieorchesters vorgelegte Einspielung bedient sich der zweiten Fassung, in der eine weit ausgreifende Orchesterkantilene über den Ho-Ho-Ho-Tschi-Minh-Rufen liegt, als habe Henze sein ursprüngliches Anliegen übermalen wollen.

Überhaupt steht bei Eötvös die tief empfundene Menschlichkeit im Mittelpunkt. Peter Stein ist glänzend als trocken berichtender Sprecher, Peter Schöne erschüttert als Jean-Charles, Camilla Nylund verführt als La Mort. SWR Vokalensemble, WDR Rundfunkchor und Freiburger Domsingknaben sind unvergleichlich an Präzision und Klangschönheit.

Vor allem gelingt dieser Einspielung der Nachweis, dass es sich beim "Floß der Medusa" nicht um ein politisches Gelegenheitswerk handelt, sondern um eines der wenigen zentralen Großwerke der Musik des 20. Jahrhunderts: Ein erschütterndes Fanal der Menschlichkeit, das vielleicht erst jetzt, im zeitlichen Abstand zum Kalten Krieg, als solches verstanden werden kann.