Fiedelnde Wunderkinder haben Tradition in der Klassik. Als Yehudi Menuhin seinen Durchbruch feierte, hatte er gerade erst zwölf Geburtstage erlebt; als Anne-Sophie Mutter zur Salzburger Sensation avancierte, zählte sie zarte 13 Jahre. Daniel Lozakovich, 2001 in Stockholm geboren, ist ebenfalls ein solcher Frühstarter. Noch keine zehn war er, als ein Begleit-Orchester erstmals hinter ihm Aufstellung nahm; mit 14 jettete er bereits durch die Lande und wurde wenig später - ein seltenes Privileg heutzutage - mit einem Plattenvertrag der Deutschen Grammophon geadelt. Dort ist 2018 sein Debüt-Album erschienen, und es fiel nicht zuletzt durch das Cover-Foto auf. Darauf zu sehen: ein Musterknabe im Erwachsenen-Anzug, ausgestattet mit Geige, akkuratem Scheitel und zartem Blick. Eine Verheißung für ein Publikum, das zwar am liebsten betagte Werke hört, sich aber zugleich nach frischen Gesichtern sehnt.

Shostakovich Symphony No 4 (LSO live)
Shostakovich Symphony No 4 (LSO live)

Nun legt Lozakovich seine zweite CD auf dem Prestigelabel vor. Stimmt zwar: Er kann nur mehr bedingt mit dem Wunderkind-Bonus punkten. Der Sohn zweier Emigranten aus ehemaligen Sowjet-Republiken hat mittlerweile ein führerscheintaugliches Alter erreicht. Nichtsdestoweniger stellt er seine Weltklasse unter Beweis. Lozakovich glänzt mit Treffsicherheit bis in höchste Lagen, wie es sich für einen Virtuosen versteht, und besitzt ein glänzendes Timing. Der Geiger mit dem sanften Knabengesicht verblüfft aber auch durch ein glühendes Temperament, und er mengt seinem Klang bisweilen eine kernige, leicht angeraute Note bei. Ein Freund von üppiger Klangfülle ist er allerdings nicht: Lozakovich verzichtet in romantischen Momenten auf einen schmalzigen Sound, kann seine Geige dennoch steinerweichend singen lassen. Dieser Mix aus Passion und Präzision steht dem Herzstück des Albums, Tschaikowskis Violinkonzert, hervorragend an. Auch die Begleitung ist auf diesen Tonfall eingeschworen: Wladimir Spiwakow, einst selbst Wunderkind und heute Mentor von Lozakovich, sorgt am Pult des National Philharmonic Orchestra of Russia für straffe Spannungsbögen und kernige Akzente: ein hochklassiges Vergnügen.

Ebenfalls eine Freude ist eine Neuerscheinung aus England: Das London Symphony Orchestra hat die Vierte Symphonie von Dmitri Schostakowitsch herausgebracht. Wobei: "Freude"? Nennen wir das Werk lieber einen imposanten Anti-Hit. Diese 70 Minuten zählen zum Irrsten, was Schostakowitsch je geschrieben hat. Das Geschehen schwankt zwischen Dissonanzbad und Mysteriengeflüster, Wuchtmarsch und komplexer Kontrapunktik: Ohrwürmer sind auf diesem Tummelplatz des Experiments Mangelware. Ende 1936, kurz vor der Uraufführung, hat Schostakowitsch die Symphonie plötzlich zurückgezogen. Es kam wohl nicht von ungefähr. Das Stalin-Regime hatte ihn im selben Jahr schon einmal als Klangchaoten angeprangert: ein gefährliches Verdikt.

An dieser Stelle bewerten die "Wiener Zeitung"-Klassikexperten Edwin Baumgartner und Christoph Irrgeher wöchentlich und alternierend Neues vom Plattenmarkt.
An dieser Stelle bewerten die "Wiener Zeitung"-Klassikexperten Edwin Baumgartner und Christoph Irrgeher wöchentlich und alternierend Neues vom Plattenmarkt.

Dirigent Gianandrea Noseda kostet die Glitzerfarben dieser Symphonie nuanciert aus, schreckt aber auch nicht vor ihren Donnerwettern zurück. Selbst dann glänzt das Klangbild durch Transparenz und macht den Wagemut des Komponisten bis in die letzte Note nachvollziehbar.