Gemeinhin gelten die Werke von Franz Liszt als das Schwierigste, was je für Soloklavier komponiert wurde. Zwei Komponisten gehen allerdings weit über Liszt hinaus. Einer war der Brite Kaikhosru Shapurji Sorabji, ein anderer der Franzose Charles Valentin Alkan.

Alkan lebte von 1813 bis 1888 und war damit nahezu aufs Jahr genau ein Zeitgenosse Richard Wagners (1813-1883) und Franz Liszts (1811-1886). Irgendwie umweht Alkan dabei der Nimbus des Außenseiters, kühner als seine beiden bekannteren Zeitgenossen zusammen, ein Avantgardist des 19. Jahrhunderts geradezu.

Die fulminante deutsche Pianistin

Charles-Valentin Alkan Concerto pour Piano seul u.a. (Avi)
Charles-Valentin Alkan Concerto pour Piano seul u.a. (Avi)

Schaghajegh Nosrati legt nun eine Alkan-CD vor, die in weiten Teilen fasziniert, in noch weiteren Teilen aber auch enttäuscht - nicht von der Interpretin, wohl aber vom Komponisten.

Unbezweifelbar auf der Haben-Seite ist das Können Schaghajegh Nosratis zu verbuchen. Sie hat sich intensiv mit Bach beschäftigt und überträgt ihre klare, auf kontrapunktische Deutlichkeit abzielende Herangehensweise auf Alkan.

Enrique Granados Libro de Horas u.a. (Ars)
Enrique Granados Libro de Horas u.a. (Ars)

Doch immer wieder ist diese Musik zu schwach, um von sich aus tragfähig zu sein.

Gewiss: Da gibt es, speziell in den "Esquisses" und im Konzert für Solo-Klavier, aufregende Passagen von einer visionären Harmonik, die sich über Dur-Moll-Grenzen hinwegsetzt. Aber sie wird aufgefangen von Abschnitten unsäglicher Banalität, in denen die schweren Düfte eines plüschigen Salons wabern. Charakteristisch für diesen Stil ist die "Etude alla barbaro", die nichts Barbarisches hat, außer, dass der Interpret grifftechnisch an die Grenze des Möglichen gehen muss - doch das Ergebnis ist doch nur ein hübsches Salonstück. Man bewundert rückhaltlos, wie scheinbar mühelos Schaghajegh Nosrati die Schwierigkeiten meistert und zu raffinierten Subtilitäten fähig bleibt, doch die Musik selbst bleibt nicht im Gedächtnis haften. Sie ist Pianistenfutter - und nur dann mit Freude zu hören, wenn, wie hier, eine außerordentliche Pianistin sich ihrer annimmt.

Um die Klaviermusik von Enrique Granados ist es ähnlich bestellt, nur binden ihn spanisches Kolorit und mediterrane Farbigkeit an Debussy und Ravel an. Vielleicht ist das der Grund, dass sich die französische Pianistin Myriam Barbaux-Cohen sich für Granados interessiert und nun eine CD vorgelegt hat, die man gar nicht genug rühmen kann.

Vor allem, weil Myriam Barbaux-Cohen einen Bogen um die "Goyescas" gemacht hat, die zwar zu Recht häufig gespielt werden, aber eben nicht die ganze Bandbreite von Granados’ Musik zeigen. So hat Myriam Barbaux-Cohen lieber das "Libro de Horas" aufgenommen, die "Escenas poeticas" und die "Valses poeticos": Und obwohl in einigen dieser Stücke, ähnlich wie bei Alkan, der Salon und die blanke Banalität nicht fern sind, schimmern andere im Licht der Impressionisten. Myriam Barbaux-Cohen verstärkt diesen Eindruck noch durch einen fein nuancierten Anschlag und eine wunderbare Poesie der klanglichen Gestaltung. Der Zuhörer meint beinahe, diese Musik mit den Händen angreifen zu können, so plastisch formt diese Pianistin die Werke: die Zaubereien einer Klaviermagierin.