Das Label Brilliant setzt auf preisgünstige Wiederveröffentlichungen vergriffener Aufnahmen. Manche davon sind seinerzeit so entlegen erschienen, dass man in Vor-Internetzeiten unmöglich an sie herankommen konnte. Umso größer ist die jetzige Entdeckerfreude.

Die russische Komponistin Galina Ustwolskaja etwa stand quer zum Sowjet-Regime. Ihre avantgardistischen Werke, in denen Folgen von dichtgepackten Akkordtrauben und entwicklungslose Motive als Zeichensetzung religiöser Versenkung (auch das noch!) dienen, waren den Kultur-Machthabern zu viel der westlichen Verirrung - wobei sie in ihrem atheistischen Furor nicht merkten, wie ur-russisch diese Geisteshaltung eines glühenden christlichen Bekenntnisses war.

Galina Ustwolskaja Junge Pioniere u.a. (Brilliant)
Galina Ustwolskaja Junge Pioniere u.a. (Brilliant)

Auf Brilliant erschienen nun frühe Werke Galina Ustwolskajas, und die "Suite Junge Pioniere", die "Kinder-Suite", die "Sport-Suite", das "Poem Nr. 1 - Licht in der Steppe", das "Poem Nr. 2 - Heldentat" und das "Friedenspoem" zeigen eine völlig andere Musik.

Galina Ustwolskaja war Schülerin von Dmitri Schostakowitsch, mit dem sie auch eine Affäre hatte. Schostakowitsch hielt sie für außerordentlich begabt und förderte sie nach Kräften. Das Ende der Affäre muss jedoch in Galina Ustwolskaja eine derart tiefe Verletzung ausgelöst haben, dass sie offiziell jeden Kontakt zu Schostakowitsch zurückwies, mehr noch: Weder der Mensch Schostakowitsch noch seine Musik wären ihr jemals nahegestanden, behauptete sie, sie habe sogar von Anfang an ihm und seiner Musik gegenüber nur ablehnende Gefühle gehabt.

Ludwig van Beethoven Egmont u.a. (Naxos)
Ludwig van Beethoven Egmont u.a. (Naxos)

Das sollte man im Gedächtnis behalten, wenn man diese frühen Werke hört, die ohne Schostakowitschs Einfluss nicht möglich gewesen wären. Wobei weniger seine Symphonien als Modelle gedient haben dürften, als seine Schauspiel- und Filmmusiken und seine Musiken zu Parteifeiern. Spannend ist, dass Ustwolskaja diese Musik doch auch bricht und Harmlosigkeiten mit grellen Dissonanzen kontrastiert, speziell im spätesten der Werke, dem "Friedenspoem", das mitunter die Glut der späteren Werke erahnen lässt. Damit nähert sie sich der im Material eklektizistischen, doch stilistisch stark persönlich gefärbten Ost-West-Vermittlung eines Rodion Schtschedrin. Auch dieser Weg wäre ihr also offen gestanden. Doch sie entschied sich für den steinigeren einer anbindungslosen Neuen Musik.

Die Interpretationen zeigen, dass die Ustwolskaja am Anfang durchaus gefördert wurde. Unter den Dirigenten sind Arvid Jansons und Jewgeni Mrawinski, unter den Orchestern ist das Leningrad Philharmonic Orchestra. Unbedingt hörenswert!

Das Licht des Ludwig-van-Beethoven-Jahrs wirft seine Schatten voraus: Leif Segerstam legt eine schier grandiose Interpretation der kompletten "Egmont"-Schauspielmusik vor. Irgendwie schafft es der betagte finnische Dirigent und Komponist, dieser Musik eine fast mahlersche Intensität abzuringen. Weiters auf der CD: Die sechs Menuette WoO 10, der Triumphmarsch aus "Tarpeja" und der Trauermarsch aus Leonore Prohaska, wobei die beiden Märsche zeigen, dass Beethoven auch bei Gelegenheitswerken glühte. Ein Muss!