Es ist ein Jammer mit manchen Wörtern. Eine Ewigkeit sind sie gang und gäbe, dann geraten sie auf einmal ins Visier von Sprachpolizisten. Der Begriff "Volk" zum Beispiel. Im Vorjahr ist er auf Twitter plötzlich geächtet worden. Wer "Volk" sagt, der offenbare eine bedenkliche Gesinnung, befanden die Wort-Ankläger. Womit sie wieder einmal weit übers Ziel schossen. Stimmt zwar: Rechtsextreme sehen die Welt bevorzugt "völkisch". Aber deshalb muss man noch lange kein Wort verfemen, dessen gängige Ableger - die "Volksschule" und die "Volkszählung" - bisher höchstens Langeweile erregten.

Es hat dagegen gute Gründe, warum die "Heimat" scheel beäugt wird. Das Wort wird ja gleich von zwei Seiten in die Missbrauchszange genommen. Nicht nur spielen windige Wahlkämpfer damit gern auf der Instinkt-Orgel. Zudem erweisen ihm groteske Schunkelsendungen im Fernsehen einen Bärendienst.

Dabei kann "Heimat" ein Auslöser von schlichter Freude sein, und ein Ausgangspunkt für berührende Kunst. Regula Mühlemann stellt das unter Beweis: Die 34-jährige Schweizerin hat die CD "Lieder der Heimat" herausgebracht. Damit wechselt die Klassik-Sängerin nicht etwa zur "Volkstümlichen Musik". Die 22 Stücke stammen weitgehend aus dem Genre Kunstlied. In den Texten - darum der Titel - blitzt aber des Öfteren die Schönheit des Alpenraums auf. Kitschgefahr besteht keine: In den feinnervigen Liedern schwankt die Gefühlswetterlage immer wieder rasch zwischen Geborgenheit und Angst, Glück und Wehmut.

Regula Mühlemann Lieder der Heimat (Sony Classical)
Regula Mühlemann Lieder der Heimat (Sony Classical)

Musik von Franz Schubert, dem Spezialisten für solche Lichtwechsel, darf dabei nicht fehlen. Sie trifft hier auf eine vergessene Liederfülle von Schweizer Tonsetzern wie Wilhelm Baumgartner, Friedrich Niggli und Othmar Schoeck. Darüber dürfen sich nicht nur Kuriositätensammler freuen: Baumgartners Jubel-Ohrwurm "Noch sind die Tage der Rosen" erzwingt ein mehrmaliges Hören geradezu. Das gilt auch für den lyrischen Einminüter "Wandern mit dir unter leuchtenden Sternen" aus der Feder von Richard Flury - Musik von Zeit-anhaltender Schönheit. Die Hauptattraktion ist Mühlemanns Stimme, elegant getragen von Pianistin Tatiana Korsunskaya: Ihr Sopran sprudelt klar-frisch wie eine Bergquelle, verströmt markantes Timbre und verrät hie und da eine Kraftfülle, die sich für die große Bühne empfiehlt. Dort ist Mühlemann übrigens demnächst in Wien zu sehen: Am 16. Februar debütiert sie an der Staatsoper, als Adina im "Liebestrank".

Für ländliche Töne sind auch Franui bekannt: Seit fast 30 Jahren entführen die Grenzgänger aus Osttirol klassische Werke in rustikale Klanglagen. Auf der neuen CD macht Mozart Bekanntschaft mit den Tanzgeigen, Trompeten und dem Hackbrett der zehn Musiker: Das Album "Ennui" versucht, Langeweile mit neu herausgeputzten Divertimenti auszutreiben, zudem mit einem Netz an Bildungsbezügen: Da singt man "Der Mond ist aufgegangen" über Schumanns Geistervariationen-Melodie, verschweißt Mozart, Erik Satie, John Cage und Schubert zu einem Sechs-Minuten-Stück, und zeitweise raunt Peter Simonischek ein geistreiches Zitat aus dem Off. Ein weiteres Prachtbeispiel Franui’scher Bastelkunst.