Als sich Ohrwürmer noch nicht mir nichts, dir nichts aus dem Internet fischen ließen, hatte das Best-of-Album seine Glanzzeit. Der Vorteil für den Kunden: Für ein Minimum an Geld gab es ein Maximum an Hits eines Stars. Der Vorzug für den Künstler: Er konnte sich auf seinen Lorbeeren ausruhen, während ebendiese auf einer Kompilation neu veröffentlicht wurden; ein Studiobesuch war für dieses Recycling eher unnötig.

Seltsam, dass nun eine Art Best-of im Klassikbereich erscheint. Es stammt aber gewissermaßen von einem Pop-Star des Betriebs, Rolando Villazón. Der inbrünstige Lockenschopf füllte in den Nullerjahren die Schlagzeilen und Opernhäuser: Kein Sänger, der sich so rückhaltlos für die Bühne und sein Publikum verzehrte wie der quirlige Mexikaner. Nur leider, sein schmelzsatter Tenor mit dem chronischen Drang zur Attacke verbrauchte sich rasch: Schon im Jahr 2006 marterten Stimmkrisen den Mittdreißiger, und sie sollten ihn nicht mehr ganz verlassen. Villazón versuchte, Tuchfühlung zu seinem Lebenselixier zu bewahren: Er erprobte sich als Regisseur, werkte als Autor, ist Intendant der Salzburger Mozartwoche geworden. Und freilich - er singt auch noch, seit 2010 bevorzugt im Mozart-Fach: ein überraschender Wechsel nach der bisherigen Vorliebe für Sturm-und-Drang-Arien. Doch die ziselierten Kantilenen des Salzburgers schienen Linderung zu verheißen.

Rolando VillazónMozartissimo(DG)
Rolando VillazónMozartissimo(DG)

Einen Querschnitt durch die zugehörigen CDs ist jetzt auf "Mozartissimo" nachzuhören. Fraglich zwar, ob dieses Album, erstellt aus Material der Jahre 2012 bis 2019, "The Best of Mozart" abbildet, wie der Untertitel verheißt. Die Scheibe präsentiert aber den bestmöglichen Villazón. Befreit von den Ausdauer-Erfordernissen eines langen Opernabends, glänzt die Stimme hier fast so saftprall wie in ihren Glanzzeiten. Dabei überzeugen die Nummern tendenziell um so mehr, je weiter das Aufnahmedatum zurückliegt: Die "Don Giovanni"-Ausschnitte erweisen sich als sinnlicher Gruß aus der Vergangenheit. Dunkelerotisch und notorisch explosiv, zeigt "Dalla sua pace" den Mexikaner auf der Höhe seiner Vollblutkunst. In den Ohrwürmern der "Entführung" und "Così" lässt er den Gefühlen die Zügel schießen, ohne dabei die Intonationskontrolle zu verlieren - eine Leistung, die in den "Titus"-Arien zumindest weitgehend gelingt. Die Tenor-Prüfungen der "Zauberflöte" umschifft er aber: Statt sich an Taminos Arien abzuarbeiten, singt der Star lieber die Bariton-Fröhlichkeiten des Papageno. Egal: Die "Villazónistas" werden es ihm nachsehen - zumal diese Zeitkapsel-CD ihren Liebling im besten Licht zeigt. Am 2. Mai erhalten Fans zudem Gelegenheit, den 47-jährigen wieder einmal live im Wiener Konzerthaus zu erleben, bei einer Aufführung von Monteverdis "Orfeo".

Nelson Freire Encores (Decca)
Nelson Freire Encores (Decca)

Durch und durch ein Glücksfall ist die neue CD von Nelson Freire. Der 75-jährige Pianist erklärt darauf gewissermaßen das Dessert zur Hauptspeise und kredenzt eine Fülle von 30 Zugaben. Abgelutschte Häppchen sind nicht darunter: Freires Album versteht sich als Hommage an die Repertoire-Usancen von Vorgängern wie Walter Gieseking gewidmet und arrangiert Petitessen von Purcell, Scarlatti, Schostakowitsch, Albéniz, Mompou - nicht zu vergessen etliche "lyrische Stückchen" von Grieg - zu einem stimmigen Programm. Dabei ist der Brasilianer mit dem flockigen, perlenden Anschlag ganz in seinem Element: Was schwerelos-kurzweilig klingt, muss noch lange kein künstlerisches Leichtgewicht sein.