Plötzlich war "Ero der Schelm" da: 1935 wurde die Oper des Kroaten Jakov Gotovac in Zagreb uraufgeführt - und trat einen Siegeszug um die Welt an. In Deutschland half dabei wohl auch, dass Jaromír Weinbergers verwandte, bloß feinere, kunstvoller durchgearbeitete und weit überlegene Oper "Schwanda der Dudelsackpfeifer" nicht mehr gespielt werden durfte, da ihr Komponist Jude war.

"Ero der Schelm" ist ein letzter Höhepunkt des Genres Volksoper, in der Volksmusik, echte und in deren Stil erfundene, mit einer pfiffigen Harmonik und einer knallbunten Instrumentierung, die alles verarbeitet, was Wagner, Richard Strauss und Debussy in ihren Klangfarbenhexenküchen zusammengebraut haben, eine glänzende Verbindung eingehen, um das eigene Publikum mit einer gehörigen Dosis Nationalismus zu versorgen und das Publikum außerhalb der Grenzen über die Exotik staunen zu lassen.

Wobei einem halbwegs gebildeten Publikum im deutschsprachigen Raum zumindest zur Uraufführungszeit die Handlung des "Ero" bekannt vorkommen musste. Denn sie basiert mehr oder weniger frei auf der Fastnachtskomödie "Der fahrende Schüler in Paradeis" von Hans Sachs, selbstverständlich in kroatisierter Version: Da ist ein junger reicher Mann noch unverheiratet, weil er bei jeder Frau, die ihm oder der er nahekommt, fürchtet, letzten Endes könnte sie doch nur hinter seinem Geld her sein. Also bedarf es einer Liebesprobe. Der junge Mann gibt sich als Habenichts aus - und schon kommt es zu allerhand Verwicklungen samt einem Jahrmarkt und einer Hochzeit am Schluss.

Jakov Gotovac Ero der Schelm (cpo)
Jakov Gotovac Ero der Schelm (cpo)

Auf Schritt und Tritt baut der Librettist Milan Begović Szenen ein, die Gotovac mit Volkstümlichkeiten auffüllen kann. Das macht diese Oper zu einer der bis heute meistgespielten in Kroatien und zur meistaufgeführten Oper eines kroatischen Komponisten.

Der nachdrückliche Musiknationalismus birgt freilich die Gefahr, dass man, erkennt man sich im Werk nicht wieder, weit weniger Freude findet an all der echten oder stilisierten Folklore.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperten Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperten Edwin Baumgartner.

Weinberger hat im "Schwanda" grandios gegengesteuert mit einer Musik, die ihr Tschechentum nur fallweise geradlinig ausspielt, zumeist aber mit Kontrapunktkünsten, raffinierten Klangbildern, präziser Personencharakteristik und breiten melodischen Entwicklungen fesselt. Mag sein, dass Gotovac all das auch zur Verfügung gestanden wäre - zumindest lässt seine Oper spätere "Mila Gojsalića" diese Vermutung zu -, nur wendet er diese Kunstfertigkeiten im "Ero" nicht an: Als Zuhörer lässt man sich entweder von der (vielleicht nur scheinbar) primitiven Energie mitreißen, oder man bleibt letzten Endes gelangweilt zurück.

In der neuen Aufnahme schlägt das Pendel zugunsten der Energie aus, was vor allem dem Dirigenten Ivan Repušić am Pult des Münchner Rundfunkorchesters und einer glänzenden Leistung der kroatischen Solisten und des Chors des kroatischen Rundfunks zu verdanken ist: Alle Temperamentsausbrüche wirken echt, und die rhythmischen Triebkräfte wirken so frühlingsfrisch und originell, dass man sich dem Charme dieser Oper nicht zu entziehen vermag. Besser kann man dieses Werk wohl nicht aufführen.

Und so ist es eine Freude, "Ero der Schelm" in einer mustergültigen Aufnahme besitzen zu können. Aber erst recht sehnt man sich danach, Weinbergers "Schwanda" wieder auf der Bühne zu erleben.