Jugendwerke sind so eine Sache. Unausgereift meistens, das sei gleich konzediert, vielleicht auch fehlerbehaftet. Aber spannend sind sie immer: Merkt man den Stil des späteren Komponisten? Spürt man schon das kommende Genie? Wie groß ist der Stilwandel zwischen Kind, Jugendlichem und Erwachsenem?

Korngold etwa klingt immer nach Korngold, ob mit zehn oder mit dreißig Jahren. Das "Klagende Lied" des 18-jährigen Gustav Mahler spricht schon deutlich seine eigene Sprache. Aber der frühe Britten, unglaublich brillant schon als 14-, 15-Jähriger, ist Ravel näher als seinem späteren Stil, oder gar der 18-jährige Carl Orff: Hinreißend ist seine Oper "Gisei - das Opfer", fabelhaft das mit 19 Jahren komponierte Orchesterstück "Tanzende Faune". Stilistisch aber stehen die Werke im Bann von Richard Strauss und Franz Schreker. Welch ein weiter Weg ist das das noch bis zum Dauerbrenner "Carmina Burana"!

Alban Berg Sämtliche Lieder (Brilliant)
Alban Berg Sämtliche Lieder (Brilliant)

Brilliant legt nun eine Drei-CD-Box mit allen Liedern Alban Bergs vor. Die meisten davon sind Jugendwerke, denn aus der "reifen Zeit" stammen lediglich die Vier Lieder op.2, die "Altenberg-Lieder" und "Schließe mir die Augen beide" - und, nicht zu vergessen, die "Sieben frühen Lieder", die überarbeitete Jugendwerke sind und mit ihren Mahler-Klängen auf mehr vom frühen Berg neugierig machten.

Nun kann man das alles also nachhören in tadellosen Aufnahmen von Myung Jea Kho (Sopran), Elisabetta Lombardi (Mezzosopran), Mark Milhofer (Tenor), Mauro Borgioni (Bariton), Stefanie Köhler (Sprecherin) und Filippo Farinelli (Klavier). Es ist eine aufschlussreiche Begegnung. Denn man wird Zeuge, wie der junge, merklich überdurchschnittlich begabte Komponist sich in Schubert- und Schumann-Nachahmungen erprobt, Richard Strauss studiert hat, hier überproportional lange Vor- und Zwischenspiele schreibt, dort in Salon-Kitsch versinkt, dann wieder herrlich klingende Harmoniefolgen wohl am Klavier zusammengesucht hat. Aber da ist vielfach auch schon seine aus dem Sprachtonfall entwickelte Melodie.

Francis Poulenc Concert champtre u.a. (Resonus)
Francis Poulenc Concert champtre u.a. (Resonus)

Große Frage: Kämen nicht dereinst Werke wie "Wozzeck" oder das Violinkonzert nach - würde man Berg wegen dieser Lieder einen hohen Rang zuweisen? Wohl kaum. Aber man würde sie schätzen und vielleicht sogar, ketzerischer Gedanke, häufiger aufführen als jetzt, da man weiß, dass ihr Schöpfer zu weit Höherem befähigt war.

Francis Poulenc hat sein "Concert Champêtre" für die Cembalistin Wanda Landowska komponiert, dann aber, schließlich war das Instrument Ende der 1920er-Jahre noch nicht wieder gar so en vogue, die Aufführung mit Klavier gestattet. Dieser Klavierversion begegnet man heute höchst selten. Mark Bebbington hat sie nun aufgenommen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Der Vergleich macht sicher: Alle pianistische Artistik des Briten, kein noch so differenzierter Anschlag, keine noch so feine Nuance kann den Reiz des Cembalos ersetzen. Hörenswert ist es freilich, zumal die CD eine glänzende Einspielung von Poulencs Klavierkonzert bietet und zwei Kammermusik-Wunderdinge des Komponisten, nämlich sein Trio für Oboe, Fagott und Klavier und die herrlich nostalgische, bittersüße Sonate für Oboe und Klavier.