Spanische Grippe, Cholera, Pest: Seit Beginn der Corona-Krise sind etliche Parallelen gezogen worden. Selbst das Biedermeier hat man herbeizitiert. Das Biedermeier? Stimmt natürlich: Die Epoche von 1815 bis 1848, vom Wiedererstarken der Monarchien bis zum Aufbäumen gegen ebendiese, ist nicht wirklich für gravierende Seuchen bekannt. Aber das Spitzelwesen und die Zensur scheuchten die Untertanen, und darin liegt die Gemeinsamkeit, ebenfalls in den Kokon der Häuslichkeit.

Diese eigenen vier Wände bargen damals freilich gewisse Unterhaltungsdefizite. Keine Heimelektronik, um sich musikalisch zu zerstreuen. Gelüstete es den Biedermann nach Tonkunst, musste er selbst aktiv werden. Dieses Do-it-yourself, so heißt es, hat damals den Absatz der Klavierbauer beflügelt, und auch die Nachfrage nach Kammermusik gestärkt - Stücke, die im Idealfall auch der bessere Amateur bewältigen konnte, allein oder im Kreis von einer Handvoll Gesinnungsgenossen.

Jörg Ulrich Krah, Bernhard Parz postscriptum B. (Solo Musica)
Jörg Ulrich Krah, Bernhard Parz postscriptum B. (Solo Musica)

Der Blick in die Gegenwart lässt einen da wehmütig seufzen. Wären die Eigenheime nicht so hochgerüstet mit Elektronik, wer weiß, die Corona-Krise hätte vielleicht eine Renaissance des Selberfiedelns, -klimperns und -zupfens zur Folge gehabt, kurz: eine Rückkehr der Hausmusik. Eine Tätigkeit, die sich zwar spießig anhört, aber die Lebensgeister weckt und dem Hirn, so sagen Psychologen, einen Dienst erweist.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Wobei man natürlich anmerken muss: So manches Stück Kammermusik kann auch der bessere Laie nicht stemmen. Etwa Beethovens fünf Sonaten für Klavier und Cello. Wer sie meistern will, der muss schon mit der Virtuosität eines Profis gestählt sein. Aber gut: Man kann das neue Corona-Biedermeier ja auch dafür nutzen, sich mit solchen Meisterwerken überhaupt vertraut zu machen. Wirklich weltbekannt sind die fünf Stücke, verfasst zwischen 1796 und 1815, leider nicht.

Nachzuhören sind sie nun in einer prächtigen Aufnahme des deutschen Cellisten Jörg Ulrich Krah und des Pianisten Bernhard Parz. Mit kräftigem Strich und Anschlag neigen die beiden eher einem fülligen Klang zu, federn diesen aber flexibel ab und kosten den Abwechslungsreichtum der Musik wendig aus. Vor allem musizieren sie wie aus einem Guss, was sich etwa in der Dritten Sonate, einem handwerklichen Meisterstück, erweist. Beethoven hat die Stimmen hier besonders eng verzahnt, lässt die Melodie in rascher Folge zwischen Cello und Klavier wechseln und beschert zudem eine unverhoffte, fast orchestrale Farbenfülle.

Die Sonaten Nummer vier und fünf öffnen die Tür zum Spätwerk: Keine Spur vom schlichten Modell Cello-singt-zu-Klavierbegleitung, kein musikantisches Auftrumpfen. Es vermittelt sich der formbewusste Tonfall der späten Beethoven-Streichquartette, am Schluss gekrönt von einer kühnen, frappanten Fuge.

Apropos Wagemut: Als Alleinstellungsmerkmal umfasst dieses Doppel-Album zudem moderne Töne von Georg Katzer. Der deutsche Tonsetzer hat auf Bitte des Duos drei "Postscripta" zu den Sonaten verfasst; knapp vor der Veröffentlichung ist der 84-Jährige verstorben. Seine Beigaben, dissonant und mit farbigen Obertoneffekten, bilden eher einen Kontrast als eine stimmige Anfügung. Vom Tonfall her sind sie gleichwohl eine Ergänzung: Katzers Stücke bieten durch ihre meditative Wirkung eine Gelegenheit zum Atemholen zwischen den strukturdichten Beethoven-Sonaten.