Was wurde eigentlich aus. . . Seiji Ozawa? Lang ist es her, da spaltete der Japaner das Wiener Publikum: Im Jahr 2002 avancierte er zum Musikdirektor der Staatsoper. Eine mondäne Wahl - denn der damals 67-jährige war zwischen Tanglewood und Tokio tätig und besaß auf der Höhe seines Ruhms einen ähnlichen Aktionsradius wie heute Paavo Järvi. Allerdings: Der Kosmopolit Ozawa schlug dann auch in Wien keine Wurzeln und setzte nur vereinzelt Glanzlichter. Im Jahr 2009 versah der einstige Schützling von Leonard Bernstein und Herbert von Karajan schließlich noch bei Tschaikowskis "Eugen Onegin" und "Pique Dame" Dienst an der Ringstraße, dann zwang ihn eine Krebserkrankung in der Speiseröhre zum Bühnenabschied - der zierliche Grauschopf kehrte nie mehr an der Wiener Staatsoper wieder.

In Japan hat er sich aber auf die Bühne zurückgekämpft. Seit 2013 steht Ozawa zumindest hie und da wieder am Dirigentenpult, er firmiert seit 2015 als Schirmherr eines nach ihm benannten Festivals in Nagano und ist Musikdirektor des fernöstlichen Mito Chamber Orchestra geworden.

Wobei er diesen Posten nicht nur auf dem Papier innehat. Soeben ist ein Album in der Besetzung erschienen - und es widerspricht den düsteren Gerüchten über Ozawas Gesundheitszustand lebhaft. In der Gegenwart des 85-Jährigen (!) hat das Orchester Griegs "Holberg-Suite" und Beethovens Zweites Klavierkonzert aufgeweckt eingespielt. Eine Leistung, die freilich auch einer Klavierlegende zu verdanken ist: Martha Argerich lässt an den Tasten weder ihre Präzision noch ihr notorisches Temperament vermissen. Stimmt zwar: Beethovens Klassiker könnte im Klangbild runder tönen und auch detailfreudiger als auf dieser Live-Aufnahme; dennoch ein erfrischendes Lebenszeichen zweier Legenden.

Seiji Ozawa, Martha Argerich Beethoven - Grieg (Decca)
Seiji Ozawa, Martha Argerich Beethoven - Grieg (Decca)

Vital meldet sich auch John Adams zurück: Der Amerikaner hat ein packendes Klavierkonzert geschrieben. 1947 in Massachusetts geboren, hat der Namensvetter des zweiten US-Präsidenten seinen Stil im Gefolge der Minimal Music entwickelt: Der pochende Puls, den Pioniere wie Steve Reich in den 60er Jahren zum Gestaltungsprinzip erhoben, klingt bei Adams nach, auch die Lust an rhythmischen Texturen - nicht aber die harmonische Schlichtheit der Schule.

Adams prunkt stattdessen geradezu mit Akkord-Ungetümen, und er errichtet sie über einem ratternden Uhrwerk von ineinander verzahnten, motorischen Rädchen. Dieser opulent-drängende Stil, erbaut am Rande der Tonalität, gewinnt durch die Verzwirbelung mit jazzigen Zickzack-Linien zusätzliches Feuer.

John Adams Must the devil have all the good tunes? (DG)
John Adams Must the devil have all the good tunes? (DG)

Dank der Pianistin Yuja Wang und dem Dirigenten Gustavo Dudamel, hier am Pult des Los Angeles Philharmonic, besitzt diese Ersteinspielung zwei ebenso prominente wie schlagkräftige Solisten. Einziger Einwand: Warum diese elektrisierenden, aber melodiearmen 25 Minuten ausgerechnet den Titel "Must the devil have all the good tunes?" tragen, erschließt sich nicht so recht. Natürlich, das ist origineller als "Konzert für Klavier und Orchester". Könnte aber genauso gut "An apple a day keeps the doctor away" heißen.