Auch Opernstars leiden am Stillstand. Zumindest nervlich. Anna Netrebko, derzeit beschränkt auf den Wohnort Wien, platzte in der Vorwoche der Kragen. Statt ein weiteres Foto vom lieben Familienleben zu posten, ging ihr auf Instagram das Geimpfte über die Abstandsregeln auf. Sie prangerte ein Bild von einem dünn besetzten Theatersaal an. "Ich denke, wer auch immer diese Regeln beschlossen hat, soll verschwinden!", schrieb sie auf Englisch und Russisch, ergänzt um die Aufforderungen "Bringt die Kultur zurück" und "Stoppt dumme Regeln".

Piotr Beczała, ebenso beliebt in der Opernwelt, wahrt dagegen die Contenance - obwohl die Pandemie auch seine Pläne über den Haufen geworfen hat. Mitte März, der Luftverkehr begann zu erlahmen, flog der Tenor Hals über Kopf aus den USA in seine polnische Heimat. Dort suchte ihn dann täglich die Polizei auf - um Nachschau zu halten, ob der Star seine Quarantäne einhalte. Beschränkt auf sein Bauernhaus, hat Beczała seither zumindest ein paar launige Rollen-Debüts auf Instagram gefeiert: Der Tenor präsentierte sich seinen Fans als stolzer Tortenbäcker und als Waldläufer mit einer Leidenschaft für das Bäume-Umarmen.

Piotr BeczałaVincerò!(Pentatone)
Piotr BeczałaVincerò!(Pentatone)

Nun ist Beczała dabei zu hören, wie er wieder beruflich Neuland erkundet. Zwar nicht auf den Opernbühnen, aber auf CD. Das Label Pentatone hat in der Vorwoche "Vincerò!" herausgebracht: Es ist Beczałas Premiere bei der niederländischen Firma und zugleich seine erste Scheibe im Verismo-Fach - jenem Operngenre, das nicht auf Schönklang und Ebenmaß zielt, sondern aufgepeitschte Emotionen und abgründige Charaktere anpeilt; mordende Clowns, vergiftete Primadonnen und guillotinierte Dichter sind seine Helden.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Christoph Irrgeher.

Beczała hat dieses Feld bisher nur gestreift: Als lyrischer Tenor ist er auf Rollen abonniert, die einen wendigen Wohlklang erfordern, keine volle Verismo-Wucht. Gleichwohl - und darin liegt sein Trumpf - war Beczałas Tenor seit jeher auch ein Garant für kraftstrotzende Spitzentöne. Diese Stärke ist über die Jahre noch gewachsen: Heute, mit 53, steht diese Stimme auf der Höhe ihrer Kunst und Klang-Intensität.

Das sorgt für einen Verismo-Streifzug der Sonderklasse. Seiner Schulung gemäß ist Beczała keiner, der die Präzision dem großen Gefühl opfert und sich Schluchzer, Schleifer und dergleichen gestattet. Inbrunst und Klangkultur gehen Hand in Hand: Beczałas Spitzentöne besitzen bei aller Anmut eine Gespanntheit, die den Eindruck dramatischer Dringlichkeit vermittelt; körperliche Anstrengung verwandelt sich in klingende Intensität. Eine Überspanntheit ist diesem Gesang fremd, auch Unschärfen und Brüche. Noch in den klangprallsten Momenten ("Come un bel dì di maggio" aus "Andrea Chénier") liegt dieser Tenor sicher in der Melodiekurve und verströmt vornehme Leuchtkraft. Dabei besticht Beczała auch in den stillen Momenten, etwa in einem soufflé-zarten Augenblick des "Edgar" von Giacomo Puccini - einer Rarität, die das Album ebenso bietet wie die Hitmelodien aus "Cavalleria rusticana", "Pagliacci", "Tosca" und "Turandot", alles zweckdienlich begleitet vom Orquestra de la Comunitat Valenciana unter der Leitung von Marco Boemi.

Kurz: "Vincerò!" ist ein schwelgerischer, schöner Trost in der opernfreien Zeit - und eine Verheißung für Piotr Beczałas Bühnenzukunft. Möge sie bald wieder beginnen.