Eine Überraschung ist es auf alle Fälle: Lisa Batiashvili, die gewissenhafte Klassik-Geigerin, gönnt sich einen Ausflug ins Crossover-Fach. "City Lights" heißt ihre CD und würdigt, so erfährt man im Booklet, elf Lieblingsstädte mit ausgesuchten Musikstücken. Ein Konzept, das zwar nur wenig Innovationsgeist versprüht: Jedes zweite Album wird gefühltermaßen als "Reise" beworben. In einer flugverkehrsberuhigten Welt trifft Batiashvilis Album aber den Nerv einer Sehnsucht. London, New York, Berlin, Helsinki zählen zu den Stationen, denen die gebürtige Georgierin mit klassischen Tönen, aber auch mittels Folklore, Filmmusik (Charlie Chaplin!), Jazz und Pop Tribut zollen will.

Nun ist Offenheit eine schöne Sache, Crossover aber heikel. Wo Klangwelten aufeinanderprallen, droht ein Gemisch der Marke "Bratwurst trifft Schokosoße". Und wenn ein Klassik-Star Neuland erkundet, landet er mitunter unsanft auf dem Glatteis.

Letzteres ist hier nicht der Fall. Sämtliche Stücke wurden neu arrangiert; das Klangbild bleibt meist klassisch und bietet Batiashvilis skrupulösem, zartem Geigenton den gewohnten Lebensraum. Stimmt zwar: Das Begleitorchester neigt des Öfteren zu einer gefälligen, behaglichen Schmusigkeit. Schmalzbombast wird aber vermieden. Glanzpunkte treten ein, wenn sich die Geige durch Bachs "Ich ruf’ zu dir" (BWV 639) oder ein finnisches "Abendlied" singt. Erfreulich auch, dass die Wien-Würdigung nicht durch einen totgespielten Schlager erfolgt, sondern die Strauß-Senior-Rarität "Furioso-Galopp nach Liszts Motiven". Gewiss, Batiashvilis City-Hopping überzeugt nicht an jeder Station. "Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin" gerät zum seltsamen Zickzack zwischen Filmmusik, Bravourstück und Swing-Jazz (mit Trompeter Till Brönner). Und "No Better Magic" zerfällt in eine Klassik-Ouvertüre und ein apartes Folkpop-Lied, gesungen von Landsfrau Katie Melua. Dennoch: Trotz dieser Trübungen überwiegen auf "City Lights" die sinnlichen, geschmackvollen Klang-Panoramen.

Lisa Batiashvili City Lights (DG)
Lisa Batiashvili City Lights (DG)

Auch die Bratschistin Tabea Zimmermann wagt sich mit neuen Arrangements über den Tellerrand der Klassik hinaus; das Ergebnis ist aber durch und durch stimmig. Das liegt an Beschränkungen: Zimmermann will nicht die ganze Welt auf eine Scheibe packen, sondern lediglich Musik aus Spanien und Lateinamerika; und statt eines Orchesters reicht ihr der Pianist Javier Perianes für ein kompaktes, mustergültiges Zusammenspiel. Außerdem erklingen hier nur Stücke, die auf dem schmalen Grat zwischen Klassik und Folklore bereits geboren worden sind. Es sind überwiegend spanische Lieder, die von einer eindringlichen, sensiblen Bratsche "gesungen" werden: Die "Siete canciones populares españolas" von Manuel da Falla etwa, diese fidele Mischung aus Tanzmusik und Debussy-Stilistik, aber auch die "Cinco canciones negras", sanfte Ohrwürmer von Landsmann Xavier Montsalvatge. Einen Höhepunkt setzt bereits der Beginn mit Astor Piazzollas "Le Grand Tango", einer hinreißenden Hybridschöpfung zwischen Kammermusik und Folklore, ebenso packend wie feinnervig interpretiert. Ohrwürmer auf höchstem Niveau.