Am 10. Juli jährt sich der Geburtstag von Carl Orff zum 125. Mal - und bleibt nahezu unbemerkt. Es ist halt ein Jammer, wenn man mit dem Zweihundertfünfziger eines Beethoven und einer Pandemie konkurrieren muss. Dass also die ohnedies nicht allzu dicht gesäten Live-Veranstaltungen ad Orff reihenweise abgesagt wurden - Schwamm drüber. Aber Tonträger-Labels planen ihre Neuerscheinungen nicht von heute auf morgen. Umso mehr: So blamabel also hätte das Jubiläum, auch, wenn es kein ganz rundes ist, wahrhaft nicht ausfallen sollen. Zumal Orff mit seinem ersten von ihm selbst anerkannten Werk, den "Carmina burana", den letzten Klassik-Dauerbrenner der Musikgeschichte geliefert hat.

Lediglich die Deutsche Grammophon behielt den Anlass im Auge - aber ganz und gar rühmlich fällt auch ihre Hommage nicht aus. Die 11-CD-Box, etwas großspurig als "Edition" ausgegeben, als würde sie sich dem Gesamtwerk zumindest annähern, versammelt - mit zwei Ausnahmen - nur die altbekannten Orff-Klassiker des Labels. Sehr viel Energie ist nicht darauf verschwendet worden, etwas Neues zu bieten, etwas bisher nicht Erhältliches.

Carl Orff Carmina burana, Antigonae u.a. (Deutsche
Carl Orff Carmina burana, Antigonae u.a. (Deutsche

Die beiden Ausnahmen bestehen in "Carmina burana"-Ausschnitten mit Ferenc Fricsay und dem Vor-"Carmina-burana"-Orchesterwerk "Entrata", einer strahlenden Festmusik auf der Basis von William Byrds Cembalostück "The Bells".

In der Box enthalten sind alle drei "Trionfi"-Teile, also "Carmina burana", "Catulli carmina" und "Trionfo di Afrodite", dirigiert von Eugen Jochum, unter den Solisten sind Gundula Janowitz, Gerhard Stolze, Dietrich Fischer-Dieskau, Arleen Auger und Wiesław Ochman, weiters die Antiken-Tragödien "Antigonae", dirigiert von Ferdinand Leitner mit Inge Borkh in der Titelrolle, "Oedipus der Tyrann" mit Gerhard Stolze und Astrid Varnay, dirigiert von Rafael Kubelik, "De temporum fine comoedia" unter Herbert von Karajan, weitestgehend mit der Besetzung der Uraufführung bei den Salzburger Festspielen, und der Querschnitt durch "Die Bernauerin" mit Käthe Gold und Fred Liewehr aus dem Jahr 1958, dirigiert von Leitner. Die Ausschnitte hat Orff selbst so angeregt, es handelt sich um eine Art Hörspiel-Kurzfassung.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Deutlich sei angeführt, was in der Box alles fehlt: Weder sind "Der Mond" noch eine komplette "Kluge" enthalten, weder "Astutuli" noch "Comoedia de Christi Resurrectione", weder "Ludus de nato Infante mirificus" noch "Sommernachtstraum", weder die Friedrich-Schiller-Chöre noch der "Concento di voci". Die "De temporum fine comoedia" liegt in der von Orff wenig geliebten Karajan-Einspielung vor, obwohl das Werk nachher mehrfach, etwa von Leitner und Kubelik, zu Orffs Zufriedenheit aufgeführt wurde. Am schmerzlichsten vermisst man in der DG-Box aber Orffs spätes Hauptwerk, den "Prometheus".

Was die Aufnahme-Situation bei Orff gar so bitter macht, ist die Tatsache, dass praktisch das gesamte aufführbare Werk, inklusive Frühwerken wie beispielsweise "Des Turmes Auferstehung", "Tanzende Faune", den Liedern und den Kantaten nach Bertolt Brecht und Franz Werfel, aufgenommen ist: Zum 100-Jahr-Jubiläum Orffs im Jahr 1995 nämlich wurde in München nahezu das Gesamtwerk Orffs, aufgeführt und mitgeschnitten. Es müsste sich lediglich ein Label finden, das, in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Rundfunk und Orffs Verlag, die Aufnahmen zugänglich macht.