Also gibt es ihn doch, den großen übersehenen Komponisten - nicht "vergessenen", denn "vergessen" würde bedeuten, dass er einmal wichtig war, aber die Zeit über ihn hinweggerollt ist. "Übersehen" heißt, dass er nie eine Chance hatte. Das war so bei Hans Rott, der am 25. Juni 1884 in der Niederösterreichischen Landes-Irrenanstalt im Alter von knapp 26 Jahren starb. Die Sache streift obendrein den Kriminalfall, denn Rott war ein Mobbing-Opfer von Johannes Brahms.

Das Label Capriccio hat nun mit der Einspielung der kompletten Orchestermusik Rotts begonnen - glücklicherweise nicht mit der E-Dur-Sinfonie, die mittlerweile mehrere Einspielungen erfahren hat, sondern mit kürzeren Orchesterstücken.

Am 4. März 1989 hatten das Cincinnati Philharmonia Orchestra unter Leitung von Gerhard Samuel mit der posthumen Uraufführung der E-Dur-Symphonie der Musikgeschichte ein überraschendes Kapitel hinzugefügt: Offenkundig hatte Gustav Mahler in seiner Ersten und vor allem seiner Zweiten Sinfonie ganze Passagen aus dem Werk seines Kollegen in der Kontrapunktklasse Anton Bruckners am Wiener Konservatorium übernommen - und nicht nur das: Das geistige Konzept der Mahler-Sinfonie ist bei Rott klar vorgeprägt.

Hans Rott Hanlet-Ouvertüre u.a. Orchesterwerke (Capriccio)
Hans Rott Hanlet-Ouvertüre u.a. Orchesterwerke (Capriccio)

Doch der hypersensible Rott geriet zwischen die Fronten: Er war der erklärte Lieblingsschüler Anton Bruckners. Bruckner förderte ihn nach Kräften - was seinen Gegner Brahms veranlasste, Rott zu demütigen und mittels Intrigen klein zu halten. Brahms wollte Bruckner treffen, indem er den ihm teuren Rott fertigmachte. Während einer Bahnfahrt im Jahr 1880 verlor Rott den Verstand: Er glaubte, Brahms habe den Zug mit Dynamit vollgestopft. Danach verdämmerte der geniale Komponist im Irrenhaus.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Was nun ist an Rotts Musik dran? - Die E-Dur-Sinfonie des 22-jährigen befragt und summiert die sinfonischen Ansätze der Tradition bis herauf zu Brahms und Bruckner: ein neuartiger Zugang zur Sinfonik, die Rott als klangphilosophischen Weltentwurf versteht. Nicht alles gelingt Rott, manches wirkt mehr groß gewollt als groß, und in der Instrumentierung nervt das unablässige Klirren der Triangel. Doch die Bedeutung des Werks ist unverkennbar.

Die Orchesterstücke auf der Capriccio-CD sind: Hamlet-Ouvertüre (1876), Vorspiel zu "Julius Caesar" (1877), Orchestervorspiel in E-Dur (1876), Pastorales Vorspiel (1880) sowie die zweisätzigen und damit wohl inkompletten Suiten in E-Dur (1878) und B-Dur (1877). Stilistisch steht Rott Wagner nahe - aber seltsam: Es ist der Wagner des "Parsifal", der da aufklingt zu einer Zeit, als Wagner seine letzte Oper noch in Arbeit hatte. Dann wieder verbinden Rotts Bläsersätze barocken Kontrapunkt mit avancierter Harmonik - Bruckner scheint nahe und zugleich weitergedacht. Die kühnen harmonischen Fortschreitungen in der Begleitung der Kantilenen: Ist das wirklich gewollt? Oder äußert sich da mangelnde Erfahrung mit dem klingenden Ergebnis? Dafür würde auch sprechen, dass die Instrumentierung ungleichmäßig ist, hier von farbintensiver Brillanz, dort undurchhörbar zäh.

Der fulminante Christopher Ward kann als Dirigent des famosen Gürzenich Orchesters Köln nicht alle diese Stellen ausgleichen. Aber das tut der Sache keinen Abbruch: Eine wichtige CD, die man unbedingt haben und intensiv hören sollte, um einen absolut außerordentlichen Komponisten kennenzulernen.