Skrietsch-skrietsch-skrietsch! "Psycho", Duschszene, klar. Das muss einem einfallen! Umso mehr: Nur keinen Erfolg mit Filmmusik haben!

Bernard Herrmann
Bernard Herrmann

Das ganze Problem mit den vermeintlich minderbegabten "Kintopp-Komponisten" manifestiert sich im Wort "auch". Niemand wird einem Dmitri Schostakowitsch oder einem Benjamin Britten vorwerfen, dass sie auch Filmmusik geschrieben haben. Aber dass der "Ben Hur"-Komponist Miklós Rózsa auch Konzertmusik, dass der "Pate"-Komponist Nino Rota auch Sinfonien und Opern geschrieben hat, wird kaum wahrgenommen.

Das "Psycho"-Haus ist ebenso ein Wahrzeichen für Alfred Hitchcocks Thriller wie Bernard Herrmanns kreischende Geigen in der Duschszene. - © Diego Delso, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons
Das "Psycho"-Haus ist ebenso ein Wahrzeichen für Alfred Hitchcocks Thriller wie Bernard Herrmanns kreischende Geigen in der Duschszene. - © Diego Delso, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Einer der extremsten Fälle ist der des US-Amerikaners Bernard Herrmann. Er komponierte Musiken für Filme wie "Citizen Kane", "Fahrenheit 451" und "Taxi Driver" - und er war der Komponist, der Alfred Hitchcocks Filme, begonnen mit "Immer Ärger mit Harry" (1955), mit seiner Musik höhte, ehe er sich mit dem Regisseur über "Der zerrissene Vorhang" (1966) zerkrachte, weil Herrmann statt der erwünschten Soft-Jazz-Partitur hitzig ekstatische Symphonik lieferte.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Nun war dieser Bernard Herrmann auch in seinen Filmmusiken ein klassischer Symphoniker, freilich mit einer brillanten Begabung für suggestive Klangbilder. Sein Geschmack war anglophil, seine Musik hat Komponisten wie Frederick Delius oder Ralph Vaughan Williams viel zu verdanken. Dass er als Dirigent eine der ersten Aufnahmen von Gustav Holsts "The Planets" einspielte (übrigens eine höchst eigenwillige Interpretation), belegt seine Präferenzen. Allerdings ahmt er nicht nach: Seine Musik hat immer einen eigenen Tonfall. Meistens genügen ein paar Takte eines Werks, um es als eines von Herrmann zu identifizieren.

Für den Konzertsaal hat Herrmann unter anderem die Kantate "Moby Dick" komponiert, eine Symphonie, eine Sinfonietta für Streicher, und Kammermusik, dazu kommt die lyrisch gespannte, nur etwas zu lang geratene Oper "Wuthering Heights".

Trotz ihrer hohen Qualität sind Herrmanns Konzert-Werke auf CD unterrepräsentiert. Umso willkommener ist die Aufnahme des Radio-Spiels "Whitman", die das Label Naxos nun in Ersteinspielung vorlegt. Das Werk ist eine Rekonstruktion eines "Radio-Dramas" aus dem Jahr 1944. Der Text basiert ausschließlich auf Gedichten Walt Whitmans und wird zu Musikuntermalung gesprochen. Herrmann instrumentiert für Streicher und Schlagzeug. Er malt Stimmungen aus und unterlegt die gesprochenen Worte mit einem orchestralen Gesang. Das Ergebnis ist eindrucksvoll - auch dann, wenn einem Whitmans Schwulst fremd bleibt.

"Souvenirs de Voyage", Herrmanns letzte Konzertwerk, ist ein Klarinettenquintett im englisch-irischen Pastoraltonfall, unzeitgemäß vielleicht, vielleicht auch überzeitlich, jedenfalls wunderschön.

Aufpeitschend auch ohne Film ist das "Psycho-Narrative", eine symphonische Aufarbeitung der Filmmusik, die mit ihren wilden Ostinati und sinistren Nachtmelodien sogar neben Streicherwerken wie Béla Bartóks "Divertimento" und Benjamin Brittens "Bridge-Variationen" bestehen kann. Hier allerdings fällt ein Manko der sonst glänzenden Aufnahmen unter Leitung von Angel Gil-Ordonez ins Gewicht: Das PostClassical Ensemble spielt in kleiner Streicherbesetzung. Für die "Psycho"-Musik bedarf es aber eines großen Ensembles, das mehr Wucht, mehr Körper besitzt. Doch schon "Whitman" allein ist es wert, diese exzellente CD in seine Sammlung aufzunehmen!