"Und diese Biene, die ich meine, nennt sich . . ."

Darf man bei solchen Schmachtfetzen mitsingen? Darf man sie überhaupt - mögen? Die englischsprachige Welt hat einen Begriff für den inneren Zwiespalt geprägt, wenn Glücksschmetterlinge im Bauch auf rigide Ablehnung im Kopf prallen: "Guilty pleasure". Ein solches "Vergnügen" hat ein Gourmet womöglich, wenn er einen Hamburger verdrückt. Ein Opernfan vielleicht beim Genuss von Karel Gott. Und ein Klassikkenner, wenn ihm eine Platte des berüchtigten Annunzio Mantovani, "King of Strings" der 50er und 60er Jahre, einen Anflug von Behagen bereitet. Darf das denn sein? Einerseits natürlich nicht: Mantovanis "Tonkunst" - Pop-Nummern im winselnden Orchestergewand - trieft nur so vor Schmalz, Süße und Geschmacksverstärkern wie Schrummel-Gitarren und Kastagnetten-Geklacker. Andererseits: Diesen sinnlichen Attacken aufs Ohr der breiten Masse (maßgeblich arrangiert von Ronald Binge) ist eine gewisse Kunstfertigkeit nicht abzusprechen. 60 Millionen LPs verkaufen sich nicht von allein weltweit. Vor allem der süffige Saiten-Sound, die fast glitschigen Streicher-Girlanden haben es entscheidend befördert.

Joseph Calleja The Magic of Mantovani (Decca)
Joseph Calleja The Magic of Mantovani (Decca)

Joseph Calleja hat mit dieser Kunst jedenfalls keine Berührungsprobleme. Der Tenor aus Malta hat sich schon 2012 eine Easy-Listening-Zeitreise in die Glitzerwelt von Mario Lanza gegönnt ("Be My Love", Decca). Nun übergießt er Mantovanis Originalaufnahmen - 17 Klangkonfekte des Dirigenten, von "Charmaine" bis zum Tränendrüsenmelker "You’ll Never Walk Alone" - mit seinem Timbre und zelebriert damit ein wahres Hochamt des Schmalzes. Allerdings: Calleja feiert es mit Geschick und Geschmack. Der Wonnetenor des 43-Jährigen ist zwar dauerhaft auf das übergroße Gefühl eingeschworen, übertritt dabei aber nie die Grenzen des klassischen Schönklangs und differenziert seinen Tonfall geschmeidig - vom blumigen Balzen zur hormonprallen Attacke ("Bésame mucho"), vom sämigen Brustton bis zur sirupsüßen Spitzennote (in Leonard Bernsteins "Tonight"). Ein klingender Zuckerguss, an dem man schier festklebt.

Nicole Peña-Comas, Hugo Llanos Campos El canto del cisne negro (Ars Produktion)
Nicole Peña-Comas, Hugo Llanos Campos El canto del cisne negro (Ars Produktion)

Ganz andere Aussichten beschert das Album der Wahl-Wienerin Nicole Peña-Comas. Im Verbund mit dem chilenischen Pianisten Hugo Llanos Campos räumt die dominikanische Cellistin mit einem Irrtum hierzulande auf: Die Ansicht, Lateinamerika habe zum Kanon der klassischen Musik nur wenig von Belang beigetragen, ist nach diesem vitalen Album vom Tisch. Der weithin bekannte Heitor Villa-Lobos kommt dabei nur kurz mit seinem anmutigen "Gesang des schwarzen Schwans" zu Wort. Der Blick gilt vielmehr vier Lateinamerikanern, die eine ähnliche Handschrift pflegten wie ihr Zeitgenosse Manuel de Falla in Spanien (1876-1946): Nicht selten pfeffert eine Prise Folklore das Klangbild, ein Tupfer Debussy lässt es glitzern. Zartbesaitete Gemüter dürften sich für die Cello-Sonate des Argentiniers Constantino Gaito begeistern, die zwischen Salon-Eleganz, Romantik und ein wenig Abstraktion pendelt. Wuchtiger zur Sache geht’s beim Mexikaner Manuel María Ponce, der lyrische Ruhepole mit Kraftrhythmen kontrastiert: eine Entdeckung.