Welch ein Trara um die Aufnahme der Sinfonien Anton Bruckners unter Valery Gergiev! Die Luxusausgabe trägt den Titel "Anton Bruckner - The Symphonies, the Story, the Film" und kostet derzeit, je nach Händler, so um die 150 Euro. Ursprünglich lag die Box bei 200 Euro. Die Neun-CD-Box mit den Sinfonien ohne die Zugaben bekommt man schon um rund 50 Euro. Jede der Sinfonien ist auch einzeln erhältlich.

Um kaum eine CD-Box wurde ein vergleichbarer Hype entfesselt. Da schien fast die den Sinfonien zugesprochene Mystik auf die Veröffentlichung der Aufnahmen übertragen. Valery Gergiev - die Münchner Philharmoniker - alles aufgenommen in St. Florian, wo der Geist des ehemaligen Stiftsorganisten Anton Bruckner seinem Grab unter der Stiftsorgel entsteigt und dem Unternehmen seinen Segen spendet.

Anton Bruckner Die neun
Anton Bruckner Die neun

Weshalb die Neuaufnahme der Bruckner-Sinfonien mit solch einem Brimborium veröffentlicht wird, erschließt sich, sobald man sie hört: Angesichts all der Konkurrenz gilt es, Möglichkeiten finden, die dem Käufer sozusagen außermusikalisch das Besondere suggerieren. Gergievs Interpretationen nämlich sind davon weit entfernt.

Camille Saint-SaënsComplete
Camille Saint-SaënsComplete

Es liegt nicht am Orchester. Die Münchner Philharmoniker sind Bruckner-geeicht. Sie haben die Werke unter Dirigenten wie Hans Knappertsbusch, Sergiu Celibidache, Günter Wand und Christian Thielemann aufgeführt. Die Streicher des Orchesters wissen besser als die meisten Dirigenten, wie die Tremoli auszuführen sind, die Blechbläser haben die Balancen der Choräle längst in den Lungen, die Holzbläser kennen die Geheimnisse, wo sie leuchtend hervor- und wo sie, dem Gesamtklang dienend, zurücktreten müssen.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

Was Gergiev diesem Orchester interpretatorisch verordnet, ist ein Breitwand-Bruckner, der klingt, als wäre es Musik zu Mystery-Filmen: Das Erhabene wirkt spekulativ aufgesetzt, die Scherzi sind unterspielt (am extremsten das der "Neunten"), die langsamen Sätze zerfließen zum Klangbad. An die Stelle der spirituellen Erfahrung tritt der pseudo-religiöse Kitsch.

Wer sich Anton Bruckners Sinfonien als Zyklus zulegen will, greift also nach wie vor am besten zu Eugen Jochum mit der Staatskapelle Dresden oder zu Stanislaw Skrawaczewski mit dem Rundfunksinfonieorchester Saarbrücken.

Wie viele Sinfonien hat Camille Saint-Saëns komponiert? Genau genommen fünf: Zu den gezählten drei kommen eine Jugendsinfonie und die erstaunlich ernste Sinfonie "Urbs Roma". Wenn das Naxos-Label also behauptet, die Drei-CD-Box enthalte "alle Sinfonien", stimmt das nicht ganz, denn die Jugendsinfonie fehlt. Dafür sind die vier sinfonischen Dichtungen "Le Rouet d’Omphale", "Phaëton", "La Jeunesse d’Hercule" und "Danse macabre" dabei. Dirigent Marc Soustrot verwandelt das Sinfonieorchester von Malmö in einen Spitzenklangkörper mit sehr französischer Feinabstimmung der Farben. Selten hat Saint-Saëns‘ eigentümliche Balance zwischen Klassizismus, großer Geste und vorsichtigem Anklopfen an die Tür zur Musik des 20. Jahrhunderts ähnlich überzeugt wie in diesen fulminanten Einspielungen. Unbedingt hörenswert!