Karl Böhm, Dirigent. NS-Nutznießer. Mitglied in Alfred Rosenbergs Kampfbund für deutsche Kultur. Letzter Staatsoperndirektor der NS-Zeit. Erster Direktor des wiederaufgebauten Hauses. Demissioniert zugunsten internationaler Dirigierverpflichtungen.

Nikolaus Habjan mit "Böhm": Die Produktion erwies sich als politisch brisante Biografie eines großen Dirigenten, der kein Sympathieträger war. - © Lex Karelly / Schauspielhaus Graz
Nikolaus Habjan mit "Böhm": Die Produktion erwies sich als politisch brisante Biografie eines großen Dirigenten, der kein Sympathieträger war. - © Lex Karelly / Schauspielhaus Graz

Man weiß, dass er bei Proben Musiker sinnlos sekkiert hat. Man weiß, dass er auf geradezu bizarre Weise auf seinen akademischen Grad als promovierter Jurist gepocht hat. Man weiß, dass er auf einer Tournee der Wiener Philharmoniker, trotz der alphabetischen Nennung der Mitwirkenden, darauf bestanden hat, vor Leonard Bernstein gereiht zu werden.

Karl Böhm dirigiert Werke von Mozart, Bruckner, Wagner u.a. (Decca)
Karl Böhm dirigiert Werke von Mozart, Bruckner, Wagner u.a. (Decca)

Es ist wahrlich ein Bild und kein Zerrbild, das Paulus Hochgatterer und Nikolaus Habjan in ihrer grandiosen Theaterproduktion "Böhm" zeichnen. Aber welch ein Dirigent! - Unbestechlich genaues Gehör und Rhythmusgefühl, akribisches Erarbeiten scheinbar nebensächlicher Details, alle Arroganz nur Dienst am Werk.

"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.
"Wiener Zeitung"-Klassikexperte Edwin Baumgartner.

In einer Box sind nun alle Aufnahmen versammelt, die Böhm für Decca und Philips gemacht hat: Das ergibt 38 CDs und eine Blu-ray Audio mit Richard Wagners (auch auf CD vorhandenem) "Ring des Nibelungen".

Der Inhalt, abgesehen vom "Ring": Beethovens Sinfonien Nr. 8 und 9, Chorfantasie, Klavierkonzerte Nr. 1 und 3; Brahms‘ Sinfonie Nr. 3, Klavierkonzerte 1 und 2; Bruckners Sinfonien Nr. 3 und 4; Mozarts Sinfonien Nr. 26, 32, 34, 36, 39-41, Klavierkonzert Nr. 27, Requiem, "Zauberflöte", "Figaro" und "Cosí fan tutte"; Schuberts Sinfonien Nr. 5 und 8, Johann Strauß‘ "Fledermaus"; Richard Strauss‘ "Tod und Verklärung", "Vier letzte Lieder" und "Die Frau ohne Schatten" (wie bei "Cosí fan tutte" mit den damals üblichen Wiener Kürzungen); vier Ouvertüren Webers; ein Anton-Dermota-, ein Paul-Schöffler-Rezital.

Böhms Vorlieben sind deutlich: Klassiker aus dem deutschsprachigen Raum, keine Zeitgenossen (sieht man von Strauss ab, der ein Zeitgenosse Böhms war), auch bei den Klassikern weniges, was nicht zum Kernrepertoire gehört.

Wie Böhm mit diesen Werken verfährt, ist atemberaubend - gerade in einer Zeit, in der man glaubt, man müsse Mozart und Beethoven mit "historischer Aufführungspraxis" beikommen. Böhm verleiht deren Werken mehr Klarheit und Energie als jeder, der eine ohnedies nur illusorische "historische Korrektheit" anpeilt. Böhm nämlich führt die Werke musikalisch korrekt auf, erfüllt sie mit Ausdruck, bleibt dabei aber objektiv ganz nahe an den Noten.

Beethovens Neunte ist eine Referenzeinspielung und, genau genommen, unübertrefflich. Auch Wagner und Strauss werden zur Offenbarung: Als einer der Ersten löst er sich beim "Ring" vom Pathos zugunsten der Dramatik, niemandem sonst gelingt in der "Frau ohne Schatten" eine so ideale Balance von Farbe und Spannungsbogen, kein anderer wienert in der "Fledermaus" Offenbachs Pariser Charme mit solch edler Süße ein.

Bemerkenswert auch, welch fulminante Sängerbesetzungen bis in die Nebenrollen man damals Opernaufnahmen zugestanden hat: In der "Frau ohne Schatten" singt Eberhard Waechter einen der drei Wächter, in der "Zauberflöte" Christa Ludwig die Zweite Dame.

Diese Box ist nicht allein für Nostalgiker ein Muss: Sie bietet jüngeren Klassikliebhabern die Möglichkeit einer Geschmacksschulung, durch die sie für das heutige Klassikgeschehen relevante Vergleiche ziehen können: Böhm oder Vladimir Gergiev? Böhm oder Simon Rattle? Böhm oder Andris Nelsons? Wie sicher solche Vergleiche machen. . .